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9. November 1989 - 2014

  • valgrande
  • 9. November 2014 um 09:17
  • valgrande
    Stamm Mitglied
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    3.196
    • 9. November 2014 um 09:17
    • #1

    Ich möchte aus Anlass dieses Tages, der Maueröffnung in Berlin, mal fragen:

    Wo warst Du / wo ward Ihr, was hast Du / was habt Ihr an diesem Abend gemacht, gedacht oder unternommen?

    Ich würde mich freuen, von den verschiedenen Erfahrungen zu lesen und wer möchte, auch ganz persönliche Bilder und Kommentare zum eigenen Erleben hier einzustellen.

    Ich mache gern den Anfang:

    Ich saß vor dem Fernseher und konnte in den Abendnachrichten von diesem Ereignis hören und sehen und saß völlig ungläubig vor den Geräten. Laut dachte ich, das kann doch nicht wahr sein, das gibt es doch nicht, was für ein tolles Ereignis, welch eine Freude in mir. Wie es ihnen wohl ging, was sie wohl dachten, gute Freunde in Berlin, Bitterfeld, Halle, Merseburg. Und auch an die Menschen an der Grenze zwischen Thüringen und Hessen, die auch Leid erfahren hatten, was wohl in ihnen vorging. Ich dachte an die vielen Menschen, die ich in der DDR vor dem Mauerfall besucht hatte; der Osten war mir allgegenwärtig. Zuletzt war der Besuch in Merseburg am 7. Mai 1989 zur Kommunalwall, das alles ging mir auch durch den Kopf an diesem Abend. Ich verblieb dann für den Rest des Abends am TV und Hörfunk und telefonierte noch herum.

    Ich wünsche uns allen einen angenehmen 9. November

    valgrande

    Bilder

    • Maueröffnung an Bornholmer Brücke - 9 November 1989.jpg
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    • Maueröffnung am Brandenburger Tor - 9 November 1989.jpg
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    Einmal editiert, zuletzt von valgrande (9. November 2014 um 19:58)

  • Wandervogelgelb
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    14. Februar 1959 (67)
    • 9. November 2014 um 16:37
    • #2

    Zu dieser Zeit habe ich im Zentralrat der Freien Deutschen Jugend in Berlin gearbeitet. Der Sitz der Organisation war Unter den Linden im sogenannten Zollernhof, in dem heutzutage das ZDF residiert. Nachdem ein Reisegesetzentwurf aus dem DDR-Innenministerium (besser Reisverhinderungsgesetzentwurf) die Volkseele noch einmal so richtig zum Kochen gebracht hatte, war über die Zeitung "Junge Welt" zur Teilnahme an einer Arbeitsgruppe aufgerufen worden, die für die Volkskammerfraktion der FDJ einen vernünftigen Reisegesetzentwurf ausarbeiten sollte. Am 9. November trafen sich also ca. 30 junge Leute, die an dem Entwurf mitarbeiten wollten. Das war so etwas völlig Neues. Neben ein paar Abgeordneten und dem Generaldirektor vom Reisebüro Jugendtourist kamen Leute von der "Jungen Gemeinde", ein Anwesender outete sich als Mitarbeiter der Staatssicherheit, andere waren Studenten oder Arbeiter. Anhand einiger Entwürfe, die spontan mitgebracht worden waren, ging die Arbeit konzentriert voran.

    Bis zum Mittag hatten wir mit dem Ziel, der DDR-Bevölkerung bis kurz vor Weihnachten die freie Reise in den Westen zu ermöglichen, einen ganz passablen Entwurf erarbeitet. Am nächsten Morgen wollte ich unseren Entwurf der Vereinigung der Juristen und der Gesellschaft für Völkerrecht, die zum selben Thema tagte, vorlegen. Den Nachmittag hatte ich damit zu tun, den Entwurf vorläufig absegnen und vervielfältigen zu lassen. Seine Eckpunkte sollten natürlich auch in der Zeitung publiziert werden.

    Am Abend war in dann im Studentenklub der Humboldt-Universität. Dort gab es eine lebhafte Debatte darüber, wie sich die Studenten in Zukunft politisch organisieren wollten. Anschließend war Disco und irgendwann bemerkte ich, dass der Klub immer leerer wurde. Dann hörte ich irgendwie, dass "die Mauer offen war", was ich allerdings nicht so richtig glauben wollte. Ich hatte an dem Abend schon ein paar halbe Liter Bier intus (1,30 Mark der DDR) und bin, etwas angeschlagen kurz vor Mitternacht nach Hause gegangen. Als ich im Fernsehen noch einmal die fünf verfügbaren Kanäle durchgezappt habe, sah ich dann live die Bilder von der Bornholmer Strasse. Am nächsten Morgen musste ich mit klarem Kopf wieder auf der Matte stehen. Auf dem Weg zur Arbeit machte ich einen Abstecher zum Brandenburger Tor. Das Bild dort war alles andere als gemütlich. Hunderte, zum Teil ziemlich aggressive Leute standen auf der ca. 4 m breiten Mauer westlich des Brandenburger Tors und bewarfen die unterhalb der Mauer unbewaffnet aufgezogenen Grenzsoldaten mit Steinen und Unrat. Diese versuchten ziemlich hilflos, die Demonstranten mit einem Gartenschlauch von der Mauer zu vertreiben, was ihnen aber nicht gelang. In der Friedrichstrasse kamen mir gefühlt Tausende Leute mit bunten Einkaufstüten entgegen. Sie hatten die Nacht in Westberlin verbracht und wollte nun wieder nach Hause oder zu ihrer Arbeit. Im Gebäude des Zentralrats herrschte bleierne Stille, das gesamte Ostberliner Telefonnetz war zusammengebrochen. Irgendwann rief uns dann unser Abteilungsleiter zusammen, ließ uns antreten und teilte unsere Reisepässe, die sonst sorgsam unter Verschluß gehalten worden waren, aus. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände - die DDR war als Staat am Ende. Unseren schönen Reisgesetzentwurf brauchte niemand mehr.

    Wie die genauen Abläufe am 9. November waren, ist mir bis heute etwas schleierhaft. Schabowski hatte von "Ständiger Ausreise" gesprochen, wollte also diejenigen Leute, die die DDR für immer verlassen wollten, über die DDR-Grenzen ausreisen lassen. Der allergrößte Teil derjenigen Leute, die am 9. November in Berlin vor den Schlagbäumen standen, wollte "einfach mal rübermachen" und spätestens am übernächsten Tag wieder ihrer Arbeit nachgehen.

    Alle Leute, die an den grenzübergangsstellen Dienst taten, egal ob in Grenz- oder Zolluniformen, waren Angehörige der Staatssicherheit, also keine einfachen Grenzsoldaten. Noch in der Nacht sollen mehrere NVA-Divisionen alarmiert worden sein, um die Grenze um Berlin wieder dicht zu machen.
    Das dies nicht soweit gekommen ist, ist wohl einem meuternden Straussberger-Generalstab und ebenso meuternden Soldaten zu verdanken. Und wer hätte gedacht, dass die Sowjets das alles so einfach passieren lassen.

    Dass diese Nacht als Freudenfest ausgegangen ist, ist für mich ein großer Glücksfall. Es hätte auch anders kommen können. Wir hatten den "Platz des himmlischen Friedens" in frischer Erinnerung und das hat uns nur ein paar Wochen später der blutige Aufstand in Rumänien gezeigt.

    In den nächsten Tagen veränderte die Stadt ständig ihr Gesicht, immer mehr Mauerteile fielen, Durchgänge wurden geschaffen, die Porten zu den unter Ostberlin verlaufenden Westberliner U- und S-Bahnlinien wurden geöffnet. An den Wochenenden strömten hunderttausende DDR-Bürger zum ersten mal nach Westberlin. In den Geschäften tauchten die ersten westlichen Waren, ich kann mich vor allem an Zeitungen und Gemüse erinnern, auf. Dann machte die ersten Betriebe dicht, weil ihre Waren keinen Absatz mehr fanden.

    Heute wohne ich nur ein paar Hundert Meter westlich der Bornholmer Brücke im Wedding, in einer Stunde machen wir uns auf den Weg, um uns den Aufstieg der Ballons über dem ehemaligen Grenzstreifen anzusehen.

    5 Mal editiert, zuletzt von Wandervogelgelb (9. November 2014 um 16:47)

  • Vichy
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    • 9. November 2014 um 16:50
    • #3

    Hallo,

    ich hatte das "Glück" die DDR noch selbst kennenzulernen. Wenn man heutzutage manche Leute reden hört, so könnte man denken die Mehrheit der damaligen Bevölkerung wollte den Mauerfall gar nicht.
    Es liegt wohl in der Natur des Menschen rückblickend das Schlechte zu verdrängen und sich lieber vor allem an das Gute zu erinnern.
    Aber zurück...

    Meine Schwester hatte just an diesem Tage einen schweren Autounfall. Sie hatte noch Glück im Unglück. Das Auto war jedenfalls völlig hinüber. Ich weiß noch aus meiner Erinnerung das der Mauerfall so nebenbei zur Kenntnis genommen wurde. Erst am nächsten Tage, als feststand das keine ernsteren Verletzungen vorlagen wurde auch bei uns kräftig gefeiert.

    Lieben Gruß

    Stempel aus PEINE gesucht bis 1963

  • wolleauslauf
    Gast
    • 9. November 2014 um 17:38
    • #4

    Hallo zusammen,

    für meine Familie, speziell aber für meinen Schwager und mich war dieser Tag der schönste in unserem bisherigen Ost-West Leben und wir haben uns der vielen Tränen bis heute nicht geschämt. !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    Er hat nämlich zusäztlich am 9.11. noch Geburtstag und war 1961 noch rechtzeitig über die offene Grenze rüber gemacht.

    Nachdem auch ich als junger Wessi seit meinem 17. Lebensjahr mindestens 1 x im gelobten Land bei Verwandschaftsbesuchen war und die Zustände bestens kannte, glaubte weder mein Schwager noch ich, dass zu unseren Lebzeiten jemals eine Vereinigung möglich sei !!!

    Umso größer war unsere Freude in dieser Nacht, die uns zusätzlich auch einen zünftigen Rausch einbrachte :D

    Bis zum Tode seiner Mutter veranstalteten wir 1 x jährlich abwechselnd ein zünftiges "ohne Grenzen Ost-West" Treffen, jetzt besucht man man sich, als sei nix gewesen, was die Zeit doch für Wunden heilen kann.

    Der Versprecher von Schabowski hat viele tausend Menschen glücklich gemacht ( ich trauere nur um die, die dafür gekämpft haben und ihr Leben ließen, oder leiden mussten !!! ) eine Kopie seines Schmierzettels vom 0.11.1989 der Pressekonferrenz hänge ich unten an.

    Erwähnen möchte ich auch den mir unbekannten Mann aus dem "Stern" dessen Bild mir NIE aus dem Kopf gegangen ist, weil es eigentlich ALLES ausdrückt.
    Seit 1989 begleitet er mich täglich in einem Rahmen bei meinen Briefmarken im Büro, ich hätte ihn so gerne kennengelernt !!!!

    Respekt auch an Gorbi für seine kritischen Worte dem Westen gegenüber, sowie seine verdienten standing ovations heute bei der Feier in Berlin.
    Danke Gorbi !!!

    Das waren meine Gedanken zum 9.11.

    Viele Sammlergrüße von
    Wolle

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  • ja2911
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    • 9. November 2014 um 18:00
    • #5

    Wo war ich am 9. November 1989 nur...Ach ja richtig, höchstens ein ferner Gedanke in der Zukunft ;)
    Als einer der ersten Generation, die ohne Mauer und DDR aufgewachsen ist, ist es spannend für mich diese Geschichten zu lesen! Und unfassbar, die Geschichten zu hören, wie es damals mit der Reisefreiheit so war...
    Am Mittelfrankentreffen kam das Thema auch zur Sprache: Für mich ist es selbstverständlich überall hin reisen zu können. Nach Frankreich, Spanien, Italien, nach Belgien oder in die Niederlande - und alles ohne einmal angehalten zu werden und ohne Geld umtauschen zu müssen! Für mich selbstverständlich...Das gibt einem dann natürlich zu denken, dass Leute in meinem Alter ihr Leben riskiert und auch gelassen haben um eine Grenze zu überwinden. Oder was Leute so alles riskiert haben um ein paar Briefmarken rauszuschmuggeln...Oder oder oder - diese Geschichten sind immer wieder so faszinierend wie erschreckend für mich.

    Ich habe es gerade mal kurz nachgeschaut, man kann heute zum Beispiel eine Strecke von ca. 4700 Kilometern durch 9 Staaten zurücklegen ohne eine einzige Grenzkontrolle! Wenn man mal ausblendet wie selbstverständlich das für meine Generation ist und darüber nachdenkt ist das absolut fantastisch!
    Hoffentlich bleibt das alles so, bei der derzeitigen weltpolitischen Lage weiß man ja nie was als nächstes passiert...

    Gruß Jonas (der gespannt auf weitere Geschichten ist! ;) )

  • olivia
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    • 9. November 2014 um 18:25
    • #6

    Ich war 1979 zum ersten Mal in Berlin, natürlich mit dem obligatorischen Ost-Berlin-Besuch. Ein trüber Tag mit trüben Wetter in einer farblosen Stadt. Eine furchtbare Erinnerung.
    Ich habe keine Verwandten in der ehemaligen DDR und mich hat nichts in diese Richtung gezogen.

    Trotzdem sind mir beim Anblick dieser Fernsehbilder die Tränen gekommen, vor lauter Freude, dass die Menschen nicht mehr "eingesperrt" sind und jetzt frei reisen dürfen.
    Das war schon ein bewegender Tag.

    Viele Grüße Olivia

  • 22028
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    • 9. November 2014 um 19:12
    • #7

    Ich hatte die Ereignisse damals im Irak verflogt und miterlebt als z.B. die Deutschen Botschaften zusammengelegt wurden, Das Gästehaus der Ostdeutsche Botschaft als "Notauffanglager" für aus Kuwait geflüchtete Deutsche umfunktioniert wurde, DDR Bürger plötzlich mit uns Westdeutschen Kontakt aufnahmen und beunruhigt waren was mit deren Ersparnissen in der DDR war.

    Und just am 9. November kam ich damals aus dem Irak frei, als, nur wenige werden das noch wissen, Willy Brandt damals als Versitzender der Internationale Sozialisten in den Irak reiste und einen Airbus voller Leute mich nach Hause brachte, ich war damals unter den freigelassenen...

    Tibet, Nepal-Klassische Ausgaben, Irak-Eisenbahnmarken 1928-1942, Irak-Zwangszuschlagsmarken Hochwasser 1967, Overland Mail Baghdad-Haifa, SCADTA-Provisorische Einschreibmarken der Ausgabe 1921 & 1923, Kolumbien- Halbamtliche Ausgaben

  • Braunbear
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    23. Juni 1982 (43)
    • 9. November 2014 um 19:22
    • #8

    Ich kann mich an den Tag vor 25 Jahren kaum errinnern, da war ich gerade 7 und hatte die wohl letze DDR Einschulung. Ich weiss nur dass ich eines Samstags(!) vor der leeren Schule stand, weil man mir sagte es gibt keinen Samstagunterricht mehr. Erst später habe ich begriffen was an diesem Abend ablief.

    :cool: Sei wie eine Briefmarke: Halte dich an irgendwas fest, bis du am Ziel bist.
    (Josh Billings, amerik. Schriftsteller, 1818-1885)

  • northstar
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    • 9. November 2014 um 23:06
    • #9

    Prolog: Im September 1989 fuhr ich nach Leningrad, um dort noch Material für meine Magisterarbeit zu sammeln. Dem Chauffeur des Taxis, mit dem ich bei meiner Abreise zum Bahnhof fuhr, blieb nicht verborgen, aus welchem Land ich kam und er meinte nur: „Bald vereinigt ihr Euch“. Ich hatte noch die Worte von Erich Honecker im Ohr, der kurz zuvor gesagt hatte, daß die Mauer noch in 50 und in 100 Jahren stehen würde und ich konnte mir in dem Moment nicht nur eine Vereinigung überhaupt nicht vorstellen, es erschien mir auch unwahrscheinlich, daß die Grenze jemals so schnell so durchlässig werden würde.

    Der 9. November: an diesem Tag saß ich wie jeden Tag über meiner Magisterarbeit und machte eine Pause, um Nachrichten zu sehen. Und in ihnen wurde plötzlich über das berichtet, was ich noch wenige Wochen zuvor für absolut unmöglich gehalten hatte! Es war eine extrem spannende Zeit. In den folgenden Tagen und Wochen verbrachte ich so viel Zeit mit Fernsehen und Zeitunglesen, dass ich fast meine Magisterarbeit nicht rechtzeitig fertiggestellt hätte. 

    Epilog: wir schreiben das Jahr 19 nach dem Mauerfall. In St. Petersburg sitzen vier Männer in einem Auto: ein Westdeutscher, ein Ostdeutscher, ein Nachkomme eines russischen Vaters und einer ostdeutschen Mutter und ein Hamburger, der schon viele Jahre in der Partnerstadt seiner Heimatstadt lebt; alle arbeiten für denselben deutschen Baukonzern. Und einer merkt an: „vor 20 Jahren hätten wir nicht zusammen im Auto gesessen …“.

    Libertatem quam peperere maiores digne studeat servare posteritas.

  • heckinio
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    • 10. November 2014 um 13:41
    • #10

    Auch von mir eine kurze Geschichte zu diesen aufregenden Tagen.
    Ich hatte vom 6.11. – 8.11 in Berlin-Ost dienstlich zu tun. Am 9.11. sollte mich ein Kollege ablösen. Am 7.11. besuchte ich abends am Alex noch Bekannte, die endlich ihren Ausreiseantrag bewilligt bekommen hatten. Wir feierten ein wenig und am 8.11. fuhr ich wieder nach Neubrandenburg. Als ich am 9.11. von der Arbeit nach Hause kam, sagte meine Frau, die gerade bügelte und den Fernseher anhatte: „ Eben hat der Schabowski etwas ganz Komisches gesagt- jeder kann ab sofort in den Westen reisen.“ Keiner von uns hatte so etwas auch nur geahnt, auch nicht unsere Bekannten in Berlin.
    Mein Kollege, der nun in Berlin war hörte nachts draußen den Trubel und zog noch nach Mitternacht los an die Mauer, um zu feiern.
    Sonntags, am 12.11. sind wir und die Kinder dann mit dem Auto nach Berlin gefahren. Ich hatte gerade nach 17 Jahren Wartezeit!!! einen Wartung 1.3 mit Golfmotor bekommen, dessen Wert nun plötzlich rapide gesunken war, aber das war uns egal. Am Grenzübergang Bornholmer Straße war an einer Bank eine Menschenschlange von über 100 m, die ihr Begrüßungsgeld abholen wollten. Auch Kollegen aus Neubrandenburg sah ich. ;) Wir sind dann weiter bis zum Stadtteil Wedding gewandert. Dort fanden wir eine Bank, wo nur ganz wenige Leute waren. Die Angestellten freuten sich, dass endlich jemand kam und gaben den Kindern Süßigkeiten. Mit der U-Bahn sind wir dann noch zum Kudamm gefahren, wo uns im großen Trubel fast noch unser kleiner Sohn verloren ging. Unsere Bekannten aus Berlin sind dann doch noch in den Westen gegangen, erst nach Bayern, dann nach Hannover und schließlich nach Plön, wo sie heute noch wohnen.

    Gruß heckinio

  • usul3
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    4. Oktober 1969 (56)
    • 10. November 2014 um 14:55
    • #11

    Ich hatte am 09.11.1989 Spätschicht bei der SDAG Wismut in Ronneburg. Da ich Unter-Tage gearbeitete, wo auch kein Radio oder ähnliches funktioniert, haben alle nichts mitbekommen. Nach der Schicht habe ich auf dem Schachtgelände noch mit einem Kollegen eine Flasche GOTANO getrunken und bin dann mit dem Zug nach Gera ins Wohnheim gefahren. Dank der halben Flasche Wermut (mit gerade mal 20 Jahren verträgt man nach einer Unter-Tage-Schicht nur wenig) bin ich dann auch gleich ins Bett und habe die historische Nacht verschlafen. Am nächsten Tag sah ich dann im TV , das die Grenze (wieder mal) geöffnet wurde. In Ungarn hatte man das ja schon vorher gemacht, dann wieder zu. Irgendwie war ich auch nicht überrascht, da ich in der Nähe von Leipzig meinen Hauptwohnhauptsitz hatte, und in dieser Zeit jede zweite Woche sich die DDR sichtbar auflöste. Für mich war das erste Anzeichen der Auflösung das Verbot der Sputnik-Ausgabe mit der Stalin-Kritik. Dann Ungarn, CSSR, Leipziger Montagsdemos, 7. Oktober, Honeckers Rücktritt, Krenz seine Unfähigkeit, überall war abzusehen, das sich alles auflöste.

    Ich war damals frisch verliebt, hatte doch zu meiner Geburtstagsfeier am 04.10. 89. ein Mädchen kennengelernt. Mit ihr bin ich am 21.11. dann nach Hof gefahren und habe von meinen 100 DM Begrüßungsgeld zwei Verlobungsringe gekauft. Wir haben jetzt zwei Kinder und sind seit langem glücklich verheiratet.

    2 Mal editiert, zuletzt von usul3 (10. November 2014 um 14:59)

  • Markenfritze
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    8. Januar
    • 10. November 2014 um 17:37
    • #12

    Hallöchens,

    mein 9.11.89 war sehr unspektakulär. Ich weiß noch ganz genau, dass es ein Donnerstag war. Damals, ich war 17 4/5 Jahre alt, war ich donnerstags immer zur Disco in Berlin Plänterwald im "PW", ein alter riesiger Flachbau namens Gaststätte Plänterwald. Dort war wie immer eine Disco, die Musik aus der Blues-, Rock- Hardrock und Flowerpower-Richtung spielte. Ich weiß noch ganz genau, dass ich mit einer lieben Freundin gerade zu Janis Joplins - Me and Bobby McGee tanzte, als der DJ rief "Leute, Ihr werdets nicht globen, die haben grade die Grenzn uffjemacht!" Ich weiß noch, dass wir abwinkten und weitertanzend sagten: "Träum mal weiter...". Innerhalb von ca 30 Minuten leerte sich das PW auf ca 30-40 Leute.
    Am nächsten Morgen hatte ich in der ersten Stunde Mathematik und in der zweiten Staatsbürgerkunde. In meiner Klasse waren noch 7 Leute übrig geblieben. Alle anderen waren nach Berlin gefahren, um den Westteil zu besuchen. Wir haben derweil mit unserm Stabü-Lehrer die Lage diskutiert. Nach der zweiten Stunde war Schluss, weil generell so wenig Schüler zum Unterricht erschienen waren, dass das ganze Schulhaus wie leer gefegt wirkte. Am Sonnabend war übrigens wieder relativ normaler Unterricht. Mehr als die Hälfte meiner damals 11. Klasse traf sich dann am 11.11.89 abends um 20.00 Uhr an der Siegessäule zur Köpfung der ersten Flasche Krimsekt (sie stammte aus dem Keller eines Klassenkameraden, dessen Vater Diplomat in der UdSSR war und sie dort original gekauft hatte) auf erobertem Boden :D.
    Danach, um ca. 20.45 Uhr habe ich den ersten Döner Kebap meines Lebens gegessen und bin nie wieder davon weg gekommen.
    Da ich damals Schüler war, meinen Studienplatz quasi in der Tasche hatte (Lehrer für Ch und Bio), im Speckmantel von Berlin lebte und es mir eigentlich gut ging, hatte ich mir um meine Zukunft eigentlich keine Sorgen zu machen brauchen. Dennoch war die Freiheit des Wortes und des Körpers für mich extrem wichtig gewesen, wodurch ich mich sehr eingeengt fühlte.
    Für mich waren die Wochen und Monate vorher aber noch viel spannender, da ich an zahlreichen Montags-Demos und Gottesdiensten in der KWer Kreuzkirche teilnahm. Ich war sehr glücklich darüber, dass Niemand verletzt wurde und die Menschen glücklich waren, vor allem meine Familie.

    Übrigens, ich habe damals erst nach langem Drängen meiner Mutter mich mit ihr in Berlin in der Sonnenallee an die Sparkasse angestellt, um nach einer Wartezeit von über zwei Stunden das Begrüßungsgeld einzuziehen. Das Erste, dass ich dafür kaufte, war ein dickes Kreuzwort-Rätselheft für meine Oma.

    Beste Grüße vom Markenfritze

    :schweden:Sammelgebiet: Schweden und noch mehr Schweden

  • valgrande
    Stamm Mitglied
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    • 10. November 2014 um 19:25
    • #13

    Ich freue mich, so viele verschiedene Erfahrungen lesen zu dürfen und danke Euch schon jetzt dafür.

    Bitte lasst nicht nach in Euren Berichten und eigenen Erfahrungen, sie hier nieder zu schreiben und uns mitzuteilen. Auf diese Weise erfahren wir alle gegenseitig mehr voneinander, was sicher auch zu noch besserem Verstehen zwischen Ost zu West-Mentalitäten vs. West zu Ost-Mentalitäten beiträgt.

    Ich möchte noch eine Geschichte erzählen, die ich in meinem ersten posting vergessen hatte. Sie erscheint mir dennoch wichtig, um sie hier zu erzählen.

    Wie bereits geschrieben, war ich zuletzt im Mai 1989 (Kommunalwahl) mit einer Gemeinde-Gruppe zu Gast bei der Gemeinde in Merseburg. Im Vorfeld dieser Reise wurden wir gebeten, die Rede von Richard von Weiszäcker zum 8. Mai 1985, die er im Deutschen Bundestag hielt, als Kopie mitzubringen. Diese Rede wollte man in Merseburg unbedingt haben, sie zu vervielfältigen und zu verteilen. Tenor der Rede war "der 8. Mai war ein Tag der Befreiung", gemeint war das Kriegsende 1945. Eine bemerkenswerte Rede, die ich nur empfehlen kann.

    Schnell wurde uns klar, dass diese Rede im Osten unerwünscht war. Nun, gesagt, getan. Ich bot an, die Rede per Kopie zu besorgen und einige Kopien zu erstellen. Und nun die Frage, wie diese Rede an den Grenzern vorbei zu schmuggeln. Wir nahmen an, dass unser Fahrzeug durchsucht wurde und so kam es dann auch.
    Ich hatte die Rede in Form von einigen Kopien in meiner Unterwäsche verstaut, hoffend, dass ich an der Grenze nicht körperlich untersucht werden würde. Und so geschah es auch: Keine Körperkontrolle an meiner Person.

    Wir atmeten alle auf. Und so kam diese Rede, das gesagte und epochale Wort eines Richard von Weiszäcker in die DDR, wo sie damals verboten war und deren Besitz mit einer Gefängnisstrafe geahndet wurde. Das jedenfalls wollte ich noch nachtragen, denn auch das ging mir durch den Kopf am 9. November 1989.

    Viele Grüße von
    valgrande

  • wolleauslauf
    Gast
    • 11. November 2014 um 16:46
    • #14

    Hallo valgrande,

    ich verstehe Dich abosolut, denn auch Du warst von dieser Ungerechtigkeit des "gelobten Landes " nicht überzeugt ;)

    Ich habe da auch noch eine Episode des Bauerenstaates ( und Arbeiter ;) )

    Es war aber bei jeder Reise das große Risiko, ob sie irgendwas finden, denn die Grenztruppen waren ja auf sowas spezialisiert ausgebildet worden !!!!

    Ich habe persönliche Dokumente, etc. so wie Du nur am Leib getragen, denn Leibesvisitationen ohne Mängel und Funden am Fahrzeug oder Gepäck, waren die größte Chance ;)

    Mein Problem war immer nach Abgabe der gewünschten Dokumente / Kopien die für mich mich aufgelaufenen postfrischen DDR Marken (Devisenschmuggel ) meiner Sammlerfreunde wieder in den Westen zu bringen :D
    Es ging eigentlich nur kurz vor der Grenze, ehe sie am Körper von der Wärme zusammenkleben ;)

    Deshalb hatte ich immer einen Brief an die Tante dabei, da war ein kompletter Jahressatz mit echter DDR Frankatur im Kuvert, der auf der Sitzbank lag. Den hätte ich im Notfall an der Grenze in den Briefkasten geschmissen, obwohl diese Sendungen 1000 x Stasifefiltert wurden, aber es wäre immer noch inner -DDR Postverkehr gewesen, das Anschreiben
    ( handschriftlich von der Tante ) und das Porto waren immer gerecht !!
    Die Sendung hätte ich halt vergessen aufzugeben, hätte mir zwar Keiner geglaubt, aber das Gegenteil wäre auch nicht bewiesen gewesen :D :P

    Den zweiten Jahrgang steckte ich bei Abgabe des Passes in die Jacketttasche wo ich den Pass rausnahm.
    Wenn sich der Grenzer abwendete um den Pass zu kontrollieren war natürlich der Brief an die Tante auch im Jackett :D

    Das Ablenkunsmanöver war noch schöner :D :D :D
    ICH habe den Genossen Grenzer gefragt, was ich denn jetzt mit meinen
    ( unerlaubt eingeführten 2,45 Deutschmark und den noch befindlichen 10,50 Ostmark Kleingeld anfangen soll ;) ) ich muss in einer halben Stunde wieder im Westen sein, da wäre sein Mickey Mouse Geld ni x wert :D

    Er soll es nehmen und alles einer guten Sache Spenden, da war er irgendwie paff ( ca. 20 Jahre alt )
    Als ihm sagte, stecks ein und kauf Dir oder den Genossen Bauern und Arbeitern etwas, oder tut endlichch was Gutes, war er sehr angesäuert.

    Nachdem ich meinen Rückreiseausweis hatte, fuhr ich weiter und schmiss das Kleingeld aus dem Fenster !
    Im Rückspiegel sah ich, wie er es aufhob und im nächsten Jahr hatte mich diese Überheblichkeit 3 Stunden Totaluntersuchung in der Garage gekostet !!!!!

    Die Stasi vergisst nix, der war ein "Getreuer" für mich aber doof, stecks ein und gib einen aus. :P

    Aber so war es halt, ich war jedes Jahr froh und glücklich ein Devisenschmuggker zu sein, meine Familie hat dafür bitter bezahlen müssen, leider !!!!

    Sammlergrüße von
    Wolle


    PS: Im Anhang ein anderes Wort eines Bundespräsidenten zum Mauerfall

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    Einmal editiert, zuletzt von wolleauslauf (11. November 2014 um 16:47)

  • SvenBremen
    aktives Mitglied
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    Geburtstag
    11. Mai 1969 (56)
    • 11. November 2014 um 18:42
    • #15

    Ich war genau von Januar bis Dezember 1989 als Wehrdienstleistender bei der Bundeswehr
    (Luftwaffe, Flugabwehrraketen). Jede Nacht zu diesen blöden Schichten von 24:00-2:00,
    2:00-4:00, oder von 4:00-6:00 Uhr saß ich vor dem Radargerät und habe mißtrauisch die grünen Punkte auf der Mattschscheibe beäugt, ob da auch nicht ja irgendetwas böses aus dem Osten angeflogen kommt. Man hatte uns ja Angst gemacht.
    Grade kurz vor dem Mauerfall wurde die Überwachung noch deutlich verstärkt..man wußte ja nicht was da vielleicht passieren könnte.
    Dann der Mauerfall und es war wie eine Seifenblase, die zerplatzt. Plötzlich waren wir überflüssig und unnütz, die Offiziere völlig verdutzt und ratlos was wir denn da eigentlich noch sollten.
    Kurz und gut..Innerhalb von wenigen Tagen wurde der Feind zum Freund und wir konnten einpacken. Ich fand das toll, zumal mir dieser ganze Kram mit der Überwachung unserer Ostgrenzen immer schon insgeheim etwas lächerlich vorkam, aber man tut ja seine Pflicht (dachte ich damals zumindest).
    Die Kaserne, sowie die Raketenstellung existieren natürlich längst nicht mehr und das ist auch gut so.
    Bei einem Angriff mit Atomraketen wären wir sowieso der Witz der Stunde gewesen.

  • Wolffi 28. Januar 2026 um 16:52

    Hat das Thema aus dem Forum Briefmarken Allgemein nach Allgemeines Forum - Café verschoben.

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