Ich hoffe ich bin hier im richtigen Thread.
Hallo,
ich möchte euch heute einen, auf den ersten Blick, unspektakulären Beleg zeigen. Frankiert mit der 12 Rpf Marke Hindenburg. Wirklich interessant ist der noch im Umschlag befindliche Brief. Er ist in meinen Augen ein Stück Zeitgeschichte. Zeigt er uns doch teilweise wie die Menschen am 2. Oktober 1938 (also auf den Tag genau vor 72 Jahren) dachten.
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Ich möchte einen Teil des Briefes hier aufführen:
Meine lieben Kinder!
Vor allem unsern Herrgott vielen Dank, daß durch seine Hilfe d. Kriegsgefahr abgewendet wurde. Es waren bange Stunden u. Tage. Am Mittwoch um 1/2 4 Uhr kamen die ersten Truppentransporte- v. d. Hoferstr. herunter an u. dauerten ununterbrochen d. ganze Nacht durch an, auf alle umliegenden Dörfer u. Richtung Marktredwitz. Nachts um 1/2 2 stand ich, -da das Geratter nicht aufhörte - auf u. sah, daß in d. Hoferstr. sich noch Wagen an Wagen reihte, die Lichter grün u. etwas abgeblendet, es war unheimlich. In Wunsiedel selber waren nur etwa 300 Mann einquartiert, aber viel Munition u. Sprengstoffe waren dahier untergebracht. Viel Rucksäcke sollen gekauft worden sein u. viele Koffer waren in Haushaltungen schon gepackt zum Fortgehen. Ach u. ich hätte bleiben müssen, ich hätte nichts tragen können u. nicht laufen u. wohin? (...)
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Kurzer Abstecher in das Fach Zeitgeschichte:
Stichwort Münchener Abkommen
Eine Eskalation sollte vermieden werden. Am 29. September 1938 trafen sich daher der französische Regierungschef Daladier und der britische Premierminister Chamberlain mit Hitler in München. Noch anwesend, aber eher unbeteiligt, war der italienische Diktator Mussolini. Aus heutiger Sicht kurios erscheint die Tatsache, daß der tschechische Regierungschef Benes nicht eingeladen war. Hitler forderte, die Tschechen müssten zwischen dem 1. und 10. Oktober das Sudetenland räumen und dem Deutschen Reich überlassen. Am Morgen des 30. Septembers wurde gegen 2:30 Uhr der Vertrag unterzeichnet. Daladier und Chamberlain stimmten dem Anschluss des Sudetenlandes, dessen Bevölkerung dies mehrheitlich befürwortete, an das Deutsche Reich zu. Kleinere Teile der Tschechoslowakei wurden Polen und Ungarn zugesprochen. Hitler versprach hingegen, keine Gebietsforderungen mehr geltend zu machen und zukünftig Aggressionen zu unterlassen. Noch am selben Tag traf Chamberlain wieder in London ein, wo er jubelnd empfangen wurde. Unvergessen die Szene, wo er das Vertragspapier mit den Worten "Peace for our time" in die Höhe hält. Tschechien musste etwa 29.000m² mit 3,63 Millionen Einwohnern (25% der Gesamtbevölkerung) abtreten. Am 1. Oktober wurde das Sudetenland sowie das Hultschiner Ländchen eingenommen. Der mit dem Münchener Abkommen vereinbarte Frieden dauerte nur bis zum 15.März 1939. An diesem Tage marschierte die Wehrmacht in Prag ein und besetzte die Rest-Tschechei. Wieviele Menschen damals wirklich an den Frieden glaubten, läßt sich im Nachhinein schlecht sagen. Einen kleinen Einblick vermittelt vielleicht der Brief aus jenen Tagen.
Falls jemand gravierende Fehler oder sonstige Unstimmigkeiten jeglicher Art findet, so möge er mir dies umgehend mitteilen.
Lieben Gruß Vichy