Man sagt “Eine Medaille hat zwei Seiten“. Das trifft auch auf eine Ansichtskarte zu.
Ansichtskarten-Sammler schauen in der Regel auf die Bildseite, ich als Markensammler interessierte mich bei der abgebildeten Postkarte jedoch zunächst für die Anschriftenseite. Deshalb möchte ich auch damit beginnen.
Dort ist eine 2 Pf. "grau" (Bayern - Wappen-Ausgabe vom 1.1.1900 - Mi.-Nr. 65) als Frankatur aufgeklebt. Diese Frankatur galt für Postkarten und Briefe, Drucksachen bis 50 g im Ortsverkehr vom 1.4.1900 bis 1.8.1906.
Die Karte wurde in Augsburg am 20.6.1906 gestempelt und war an Bankier Euringer und Familie in Augsburg adressiert. Eine einfache Ortspostkarte also?
Die zweite Seite der „Medaille“ stellte sich als lokales Zeitdokument dar. Denn auf der Bildseite findet sich eine Fotografie, die der Absender selbst beschreibt:
„Eur. Hochwohlgeboren!
Unter Wiederholung meines besten Dankes für das freundliche Entgegenkommen vom Fronleichnachstage übersende ich eine Aufnahme, die beiden anderen werden demnächst nachfolgen. Mit den besten Empfehlungen ergebenst F. Bauer 20. VI. 06“
Es war mir bekannt, dass Fotografien zu Ansichtskarten angefertigt wurden. Oft sind es jedoch Portraits oder Familienaufnahmen.
Zufällig liegt mir das Heft 4/2007 „DAS ARCHIV - Magazin für Post- und Telekommunikationsgeschichte“ vor. Dort findet sich auf Seite 26 ff. der Beitrag „Lichtdruck und Bromsilber - Fotografie als Postkarte“.
Darin finden sich Erklärungen, warum auch in Augsburg in kurzer Zeit die Aufnahme der Fronleichnamprozession als Postkarte versandt werden konnte.
Aus dem Beitrag zitiert „Bereits vor 1900 war die Fotografie in ihren technischen Möglichkeiten sehr weit entwickelt und ihr Nutzung zur Produktion von Postkarten konnte mithilfe moderner Maschinen in industriellem Maßstab erfolgen. .... Von der Bevölkerung wurde die mit einem Foto illustrierten Postkarten mit Begeisterung aufgenommen. Der günstige und für viele erschwingliche Preis trug ebenso zur Verbreitung bei ...
Die Bildpostkarte schien bestens geeignet, um jedes nur erdenkliche Motiv über einen staatlich garantierten Postweg innerhalb kürzester Zeit an beinahe jeden Ort der Welt* zu bringen“.
Jedenfalls hatte der Absender der Augsburger-Karte - vielleicht selbst Fotograf? - die Möglichkeit die Karte fertig zustellen. Das Fronleichnamsfest war am Donnerstag, 14. Juni und am darauffolgenden Mittwoch schon versandte Herr Bauer die Karte.
Aus dem Artikel sei abschließend erwähnt, dass auf der Ansichtskarte Platz fand für l „ ... Erhabenes und Triviales, Kitsch und Kunst, Ernstes und Heiteres“.
In diesem Sinne, wer hat weitere Fotografie-Ansichtskarten?
Mit freundlichen Sammlergrüßen
Luitpold
*
Die Anschriftenseite ist so gestaltet, dass ein Versand in alle Welt möglich war - Carte postal - Postkarte - Post Card usw. Diesen "Standardtext" findet sich auf vielen Ansichtskartenrückseiten!