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Bayern - Frankreich 1870/71

  • bayern klassisch
  • 13. April 2008 um 18:28
  • bayern klassisch
    Gast
    • 13. April 2008 um 18:28
    • #1

    Auf allgemeinen Wunsch eines Einzelnen möchte ich mal in ein wenig beachtetes Teilgebiet vorstellen - das Postverhältnis Bayerns zu Frankreich in der Kriegszeit 1870/71.

    Mit dem Sieg Preußens und Italiens gegen Österreich, Hannover und die mit ihnen verbundenen Südstaaten Baden, Bayern und Württemberg im Sommer 1866 war Preußens Hegmonialmacht betoniert worden und Österreich praktisch um die Vorherrschaft in Deutschland ausgeschieden.
    Der neue Feind konnte nur Frankreich heißen.

    Bayern wurde im Herbst 1866 ein kleiner Zipfel seines Territoriums von Preußen abgezwackt, so dass Preußens Armeen direkten Zugang zum Rhein hatten um einen schnellen Durchmarsch gegen den seit Napoleon real existierenden Erbfeind Frankreich bewerkstelligen zu können.

    Nach den bekannten Erbstreitigkeiten in Spanien und der Abänderung der Emser Depesche durch Bismarck war der Würfel gefallen - Krieg sollte entscheiden.

    Die Mobilmachung vom 16.7.1870 ließ nicht lange auf sich warten, und jedem war klar, dass dies entweder die deutschen Staaten zusammen schweißen würde, oder es ein Waterloo auf der eigenen Seite geben konnte.

    Die philatelistischen Folgen waren enorm. Ohne dass es für Bayern hierzu etwas in den Akten gäbe, wurden bereits ab dem 19.7.1870 Briefe nach Frankreich über die Schweiz ausgetauscht. Für nördlich gelegene Länder konnte auch ein Postaustausch über Belgien nach Frankreich et vice versa erfolgen (kam für Bayern nicht in Frage).

    Der erste Scan zeigt einen Brief aus Ansbach vom 25.7.1870, der mit 12 Kr. wie jeder gewöhnliche, bis 10g schwere Brief frankiert worden war. Er lief aber nicht seinen regulären Weg über Forbach, sondern über München, 26.7.1870, und erhielt erst in Paris (!) den Eingangsstempel vorderseitig mit "Bavière par Forbach" vom 28.7.1870. Lief der Brief also über Forbach?

    Nein, das wäre gar nicht möglich gewesen, denn wir waren ja mitten in den Kriegsvorbereitungen, und der Truppenaufmarsch Hunderttausender aus allen Teilen Deutschlands ließ überhaupt keine Privatpersonen-, Post oder Warenbeförderung zu. Alle Züge standen im Dienste der Armee.

    Der 2. Scan zeigt einen Brief aus Nürnberg vom 7.8.1870 an den selben Empfänger nach Paris (damals noch nicht eingeschlossen), der ebenfalls wieder über München lief, dort im geschlossenen Transit über Zürich nach Paris gesandt, und da am 12.8.1870 mit dem blauen "Bavière Forbach 3" eingangsgestempelt wurde. Zu diesem Zeitpunkt wurde um die Spicherer Höhen gekämpft, und kein Brief hätte dort passieren können.

    Die üblichen Stempel Bavière - Forbach 1 wurden auf der Tour und Bavière - Forbach 2 auf der Retour abgeschlagen. Nur der Stempel Bavière - Forbach 3 dokumentierte den Eingang der Post aus München über die Schweiz in Paris. Weil der Stempel die 3 zeigt, wissen wir also, dass er eben nicht über Forbach gelaufen war.

    Die Rückseiten der beiden Briefe stellen den 3. + 4. Scan dar.

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  • bayern klassisch
    Gast
    • 13. April 2008 um 18:35
    • #2

    In umgekehrter Richtung lief ein Brief aus Morlaix am 15.10.1870 nach Nürnberg. Die Leitung über Paris musste kriegsbedingt unterbleiben, so dass man ihn um Paris herum fahren musste. Über die CH wurde er am 19.10.1870 in München eingangsgestempelt und am 20.10.1870 in Nürnberg zugestellt.

    Aus Voiron lief am 18.10.1870 ein Poste restante Brief nach Nürnberg ab, der statt des P.D. - Stempels nun nur noch den P.P. - Stempel erhalten hatte!
    P.D. = Payé a destination (bezahlt bis zum Bestimmungsort)
    P.P. = Payé Partielle (teilfrankiert!).

    Der Absender des bis 10g leichten Kuverts zahlte aber die vollen 40 Centimes (= 12 Kr.) wie für jeden "normalen" Frankobrief.
    Als er 5 Tage später in Nürnberg ankam, wurde er nicht ausgetragen, sondern als Poste restante Brief für 3 Monate gelagert, bis er abgeholt werden konnte.
    Unikat in mehrfacher Hinsicht.

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  • bayern klassisch
    Gast
    • 13. April 2008 um 18:46
    • #3

    Da die drei deutschen Armeen große Fortschritte erzielten, und auch der französische Herrscher Napoleon III bei Sedan unfreiwillig die Seiten wechseln musste, hatten die verschiedenen Feldposten alle Hände voll zu tun, denn die Front verschob sich allwöchentlich nach vorn (gut so!).

    Der 1. Brief zeigt, dass auch bayer. Soldaten bei preußischen Feldpostrelais, hier das 27. am 14.6.1871, kostenlos in die bayerische Heimat versenden konnten. 2 Tage später hatten ihn seine Angehörigen in Händen.

    Das 2. Kuvert aus Augsburg in Richtung Heimat - Front (viel seltener!) vom 12.2.1871 war ein vorgedrucktes der k. württembergischen Felddivision ausmarschiert, das man in das Spital Croissy bei Paris sandte. Da der Empfänger dort nicht mehr krank stationiert war, notierte man oben links "retour, Evakuirt nach Haus" und sandte ihn ebenso gratis zurück.

    Das 3. Kuvert zeigt ein Schreiben eines französischen Kriegsgefangenen aus Ingolstandt vom 22.4.1871 (Vermerk oben links "Prisonnier de Guerre") nach Dienville in Frankreich. Dergleichen Briefe mussten offen dem bayer. Festungskommando übergeben werden. Dieses lass ihn, schoss ihn, und stempelte vorne seinen Truppenstempel ab, wenngleich nicht immer so hübsch wie hier. Dann wurde der Brief der Post übergeben und - der Krieg war ja vorbei - über Paris zugestellt.

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  • bayern klassisch
    Gast
    • 13. April 2008 um 19:02
    • #4

    Zu guter Letzt kommen wir zu zwei kleinen Besonderheiten dieser Zeit, die die Entwicklung im kleinen (1. Scan) und großen (2. Scan) nachvollziehbar machen.

    Am 24.3.1871 schrieb ein Stromer in Offenbach an der Queich (Pfalz) eine vermeintliche Drucksache nach Val d´Ajol, die überhaupt keine war.

    Vor dem Krieg hätte er für eine Drucksache 3 Kr. zu zahlen gehabt, in der Zeit der deutschen Besetzung nur 1 Kr. (!) und nach der Rückgabe der besetzten Gebiete an die Franzosen wieder 3 Kr., gerade wie zuvor.
    Er hatte aber seine "Drucksache" innen stark beschriftet, so dass hier natürlich kein günstiger Drucksachentarif zu gewähren gewesen wäre.
    In Offenbach hat man dies verschlafen.

    Am selben 24.3.1871 aber gab man die besetzten Gebiete wieder an Frankreich zurück, also auch die Posthoheit! Die französischen Beamten, zuvor vertrieben aus Job und Bureau, fluteten an diesem Tag wieder an ihre alten Arbeitsstättene zurück und hatten vermutlich anderes zu tun, als vom Feind versandte Drucksachen auf ihren Inhalt hin zu prüfen.

    So musste auch dort die Portokontrolle (mit Nachtaxe) entfallen und er konnte am 25.3.1871 unerkannt zugestellt werden. Ein Postbetrug der ganz besonderen Art.

    Letzter Scan.

    Infolge des Krieges konnten internationale Korrespondenzen nicht mehr über Frankreich geleitet werden, denn wo der Krieg tobte, war das Postgut denkbar unsicher.
    Der Brief aus Valetta (Malta) nach Cardiff vom 13.7.1871 ist eine Spätgeburt des Krieges, der schon längst entschieden und vorüber war. Er lief für 8 Pence (statt für 6 Pence wie zuvor und danach über Frankreich) über Italien, den Brenner und Bayern nach England. Erst ab dem 17.9.1871 lieferte die britische Postverwaltung ihre Südtransite wieder an Frankreich aus, weil der Mont-Cenis-Tunnel zur Verfügung stand.

    Aus meiner kleinen Sammlung habe ich mal einige wenige Stücke hier gezeigt, die vielleicht Lust auf mehr machen, denn finden kann man sicher noch etwas, wenn man weiß, wonach man suchen muss ...

    Beste Grüsse von bayern klassisch

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  • BaD
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    • 13. April 2008 um 19:28
    • #5

    Hallo bayern klassisch,
    wiederum ein interessanter Beitrag, Danke.

    Im ersten Teil erwähntest du die Unmöglichkeit eines Brieftransportes über die "normale" Postroute über Forbach.

    Selbst die Feldpost konnte in den Gebieten mit dem Kriegsverlauf 1870 nicht mehr mithalten. In einem am 9.10.1870 geschriebenen Feldpostbrief schreibt der Soldat: " Auch habe ich vom 20. August bis 9.September nicht geschrieben, weil da keine Postbeförderung stattfand, gerade in der Schlachtenzeit Marie ?? Chenes, Baumont, Laon und Sedan."

    Gruss BaD

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  • oisch
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    • 13. April 2008 um 19:43
    • #6

    Als derjenige, wo für den eingangs zitierten

    Zitat

    allgemeinen Wunsch eines Einzelnen

    verantwortlich zeichnet, möchte ich mich bei bayern klassisch herzlich für diese in kürzester Zeit bereitgestellte phantastische Präsentation bedanken.

    Muss mir die Fülle an Material und Informationen erst mal in Ruhe zu Gemüte führen

    Bis die Tage

    Oisch

  • bayern klassisch
    Gast
    • 13. April 2008 um 20:44
    • #7

    BaD

    Interessanter PO - Inhalt. Kannte ich so von bayer. Schreibern/Soldaten noch nicht.
    Bei Bayern wurden viele Postler zur Feldpost gezogen und nach dem Krieg dekoriert. Was hier an "Überstunden" geleistet wurde, ist beachtlich.
    Trotzdem kamen wohl längere Pausen vor, in denen nichts oder zumindest wenig ging. An der Motivation der Beteiligten lag es aber sicher nicht.

    Danke fürs zeigen eines sächsischen Feldpostbriefes. Ist das Verhältnis Front - Heimat auch so deutlich stärker, als Heimat - Front? Bei Bayern sicher 50 zu 1 pro Front - Heimat.

    oisch

    Jetzt hast du dich geoutet - auch gut.

    Wenn du Fragen hast oder etwas in der Art zeigen möchtest, weißt du ja, was zu tun ist ...

    Lese gerne wieder von dir.

    Beste Grüsse von bayern klassisch

  • oisch
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    • 13. April 2008 um 21:25
    • #8

    BaD

    er bezieht sich auf die Schlacht bei St. Marie aux Chenes vom 18. August 1870

    @bayern klassisch

    Fragen dürfte in diesem Fall leichter fallen als zeigen ;)

    Gruß

    Oisch

    Einmal editiert, zuletzt von oisch (13. April 2008 um 21:26)

  • BaD
    erfahrenes Mitglied
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    • 14. April 2008 um 17:56
    • #9

    oisch

    Danke für die Ergänzung.

    @bayern klassisch

    Ich habe 2 Jahre lang einen sächsischen Brief oder Karte aus der Heimat
    an die Front in allen Kisten und bei Ebay gesucht, aber leider ohne Erfolg.
    Sie sind einfach nicht zu finden. Ihre Unscheinbarkeit war wohl ihr Schicksal,
    sie wurden nicht aufgehoben.

    Mit besten Grüssen BaD

  • kibitz
    neues Mitglied
    Beiträge
    23
    • 14. April 2008 um 17:59
    • #10

    Hallo bayern klassisch

    Post über den M. Cenis:
    Die Fellbahn (benannt nach dem Ingenieur Fell, nicht nach den Felleisen)
    über den M. Cenis wurde von den Engländern für Post zwischen Indien und GB von 10(?).1869 bis 10.1870 gebraucht.
    Nach Frankreich ab Januar 1871.

    Post durch den M. Cenis:
    nach Frankreich ab Oktober 1871 (von Indien traf die erste Post am 20.10 in Frankreich ein).
    von/nach GB ab Januar 1872 (von Indien traf die erste Post am 12.1.1872 in GB ein).

    beste Grüße

    kibitz

  • bayern klassisch
    Gast
    • 14. April 2008 um 18:25
    • #11

    Hallo kibitz,

    danke für die zusätzlichen Informationen!

    Beste Grüsse von bayern klassisch

  • Wolffi 14. April 2021 um 17:05

    Hat das Thema aus dem Forum Altdeutschland nach Altdeutschland verschoben.

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