Auf allgemeinen Wunsch eines Einzelnen möchte ich mal in ein wenig beachtetes Teilgebiet vorstellen - das Postverhältnis Bayerns zu Frankreich in der Kriegszeit 1870/71.
Mit dem Sieg Preußens und Italiens gegen Österreich, Hannover und die mit ihnen verbundenen Südstaaten Baden, Bayern und Württemberg im Sommer 1866 war Preußens Hegmonialmacht betoniert worden und Österreich praktisch um die Vorherrschaft in Deutschland ausgeschieden.
Der neue Feind konnte nur Frankreich heißen.
Bayern wurde im Herbst 1866 ein kleiner Zipfel seines Territoriums von Preußen abgezwackt, so dass Preußens Armeen direkten Zugang zum Rhein hatten um einen schnellen Durchmarsch gegen den seit Napoleon real existierenden Erbfeind Frankreich bewerkstelligen zu können.
Nach den bekannten Erbstreitigkeiten in Spanien und der Abänderung der Emser Depesche durch Bismarck war der Würfel gefallen - Krieg sollte entscheiden.
Die Mobilmachung vom 16.7.1870 ließ nicht lange auf sich warten, und jedem war klar, dass dies entweder die deutschen Staaten zusammen schweißen würde, oder es ein Waterloo auf der eigenen Seite geben konnte.
Die philatelistischen Folgen waren enorm. Ohne dass es für Bayern hierzu etwas in den Akten gäbe, wurden bereits ab dem 19.7.1870 Briefe nach Frankreich über die Schweiz ausgetauscht. Für nördlich gelegene Länder konnte auch ein Postaustausch über Belgien nach Frankreich et vice versa erfolgen (kam für Bayern nicht in Frage).
Der erste Scan zeigt einen Brief aus Ansbach vom 25.7.1870, der mit 12 Kr. wie jeder gewöhnliche, bis 10g schwere Brief frankiert worden war. Er lief aber nicht seinen regulären Weg über Forbach, sondern über München, 26.7.1870, und erhielt erst in Paris (!) den Eingangsstempel vorderseitig mit "Bavière par Forbach" vom 28.7.1870. Lief der Brief also über Forbach?
Nein, das wäre gar nicht möglich gewesen, denn wir waren ja mitten in den Kriegsvorbereitungen, und der Truppenaufmarsch Hunderttausender aus allen Teilen Deutschlands ließ überhaupt keine Privatpersonen-, Post oder Warenbeförderung zu. Alle Züge standen im Dienste der Armee.
Der 2. Scan zeigt einen Brief aus Nürnberg vom 7.8.1870 an den selben Empfänger nach Paris (damals noch nicht eingeschlossen), der ebenfalls wieder über München lief, dort im geschlossenen Transit über Zürich nach Paris gesandt, und da am 12.8.1870 mit dem blauen "Bavière Forbach 3" eingangsgestempelt wurde. Zu diesem Zeitpunkt wurde um die Spicherer Höhen gekämpft, und kein Brief hätte dort passieren können.
Die üblichen Stempel Bavière - Forbach 1 wurden auf der Tour und Bavière - Forbach 2 auf der Retour abgeschlagen. Nur der Stempel Bavière - Forbach 3 dokumentierte den Eingang der Post aus München über die Schweiz in Paris. Weil der Stempel die 3 zeigt, wissen wir also, dass er eben nicht über Forbach gelaufen war.
Die Rückseiten der beiden Briefe stellen den 3. + 4. Scan dar.
wird fortgesetzt