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Expreß - ein bayerischer Sonderdienst

  • bayern klassisch
  • 13. März 2008 um 18:29
  • bayern klassisch
    Gast
    • 13. März 2008 um 18:29
    • #1

    Weil ich bei einem anderen Thread darauf angesprochen wurde, möchte ich mal diesen Sonderdienst der bayer. Post etwas näher erklären, auch wenn die meisten Sammler der bayer. Kreuzerzeit wenige oder gar keine Expreßbriefe ihr eigen nennen können. Wenn aber nur einer durch diese Beiträge herausfindet, dass er einen Expreßbrief (EB) in seiner Sammlung hat, ohne es gewusst zu haben, dann hat sich die Sache schon gelohnt.

    Mit dem 1.5.1847 wurden die zuvor ganz verschieden angewandten lokalen Vorschriften erstmals zusammengefasst und für alle verbindlich festgelegt.
    Man konnte frankiert oder unfrankiert versenden, die Chargégebühr betrug 4 Kr., war aber nicht vorgeschrieben, und der vorgeschriebene Rückschein 12 Kr.. Der Bote erhielt 18 Kr.. Diese 30 Kr. waren dem Rückschein bar beizufügen. EB dieser Periode sind denkbar selten, aber auch unspektakulär. Ich besitze leider keinen.

    Nach dem Regulativ vom 1.7.1849, gültig bis zum 30.6.1858, hatte der Absender einer per Expreß zu bestellenden Sendung dies auf der Vorderseite des Briefes durch geeignete Bemerkung zu verdeutlichen. Als Vermerke kommen vor: Per Express, sofort zu bestellen, durch eigenen Boten usw..
    Eine später erst erfolgte festgeschriebene Form gab es nicht, wohl, weil es auch EB kaum einmal gab. EB konnten frankiert und unfrankiert versandt werden. Die Einschreibung war nicht notwendig, wurde jedoch oft gewünscht. War ein Brief aber eingeschrieben, so musste er auch frankiert werden.
    An Kosten, und jetzt ersehen wir, warum dieser Dienst kaum genutzt wurde, kamen auf den Absender vom 1.7.1850 - 30.6.1858 zu:

    Das Franko innerhalb Bayerns von 3, 6 oder 12 Kr., je nachdem, wohin er gerichtet war, und ob er einfach bis 1 Loth inklusive, oder doppelt bis 4 Loth wog. Portobriefe (bisher unbekannt) entsprechend teurer (Portozuschlag).
    Einschreibung/Chargé/Rekommandation: 6 Kr.
    Bestellgebühr: 18 Kr. für den Boten (Expressen auch genannt), 6 Kr. für die Beschaffung des Boten und 6 Kr. für den Rückschein (Retourrecepisse).

    Diese 18 Kr. reichten aber nur bei der Zustellung vor Ort, wohnte der Empfänger weiter weg, musste die "ortsübliche Bothengebühr" entrichtet werden. Problem: Der Absender wusste üblicherweise gar nicht, wie hoch diese war. In diesen Fällen wurde ein Depostitum von der Aufgabepost vom Absender eingezogen, wofür man ihm eine Quittung ausstellte. Nachdem der EB zugestellt worden war, musste der Expresse auf dem Rückschein die ihm zustehende Gebühr vermerkten. Bei der Ankunft der Retourrecepisse zog die Aufgabepost den Betrag von dem Depositum ab, und übergab den Rückschein mit dem Restgeld an den Absender.

    Jetzt zur Praxis: Wie viele Briefe der Erstausgabe von 1849 per Express existieren, weiß ich nicht. Den einzig mir bekannten mit einer 4I konnte ich aber erwerben. Es ist ein Brief aus Neuburg an der Donau vom 10.10.1850 nach Brunn bei Nittenau. Der Absender zahlte 6 Kr. Franko für Briefe über 12 Meilen, 6 Kr. für den Rückschein (verblieben deim Neuburger Expeditor),
    6 Kr. für die Beschaffung des Boten in Nittenau (verblieben dem dortigen Expeditor) und ein unbekannter Betrag, mindestens aber 18 Kr. für den Boten von Nittenau nach Brunn, die nicht ausgewiesen sind, sondern damals auf dem Rückschein notiert wurden. Gesamtkosten: 36 Kr. minimal, vermutlich aber deutlich mehr!
    Als Besonderheit stellte Frau Brettl noch fest, dass die Marke in Neuburg nur schwach mit dem gM 226 entwertet worden war. Nittenau stempelte daher mit dem gM 240 deutlich nach. Der Vermerk auf der Rückseite war massgeblich und sagte folgendes:

    "Die kgl. Postexpedition Nittenau wird ersucht diesen Brief sogleich an Herrn Addressaten zu senden". Damit diese Weisung nicht unterging, notierte man vorne "verte", als Rückseite, und unterstrich dies mit Rötelstift.

    Fortsetzung folgt

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  • bayern klassisch
    Gast
    • 13. März 2008 um 18:41
    • #2

    Nun die Auflösung des Frankorätsels zum Expressbrief aus Augsburg vom 4.2.1856:

    Brief bis 12 Meilen, über 1 bis 4 Loth = 6 Kr. für die bayer. Postverwaltung.
    Einschreiben/Chargé = 6 Kr. und
    Rückschein = 6 Kr. für für den Augsburger Postbediensteten.
    Gebühr für die Beschaffung des Boten: 6 Kr. für den Memminger Expeditor.
    Botengebühr innerhalb Memmingens: 18 Kr. für den Expressen.

    Totalkosten des Briefes somit: 42 Kreuzer = 10 Mittagessen!

    Es wurde nach dem Grund gefragt, weshalb jemand 42 Kr. für einen kleinen Brief ausgab. Nun, da der Brief Inhalt hat, und vielleicht auch keine Damen mitlesen, will ich ihn mal nennen:
    Die wohlhabende Absenderin schrieb "An Wohlgeboren Herrn Ig(natz) Hosp,
    kgl. Werk- und Wagenmeister in Memmingen", weil sie seiner horizontalen Leistungen dringendst bedurfte. Er sollte so schnell wie möglich zu ihr eilen, um ihrer berstenden Sehnsucht Linderung zu verschaffen. Die Details erspare ich mir/euch. Es ist aber nett umschrieben, was sie genau wollte.

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  • Germaniafreund
    Gast
    • 13. März 2008 um 18:46
    • #3
    Zitat

    Original von bayern klassisch
    Nun die Auflösung des Frankorätsels zum Expressbrief aus Augsburg vom 4.2.1856:

    Brief bis 12 Meilen, über 1 bis 4 Loth = 6 Kr. für die bayer. Postverwaltung.
    Einschreiben/Chargé = 6 Kr. und
    Rückschein = 6 Kr. für für den Augsburger Postbediensteten.
    Gebühr für die Beschaffung des Boten: 6 Kr. für den Memminger Expeditor.
    Botengebühr innerhalb Memmingens: 18 Kr. für den Expressen.

    Totalkosten des Briefes somit: 42 Kreuzer = 10 Mittagessen!

    Es wurde nach dem Grund gefragt, weshalb jemand 42 Kr. für einen kleinen Brief ausgab. Nun, da der Brief Inhalt hat, und vielleicht auch keine Damen mitlesen, will ich ihn mal nennen:
    Die wohlhabende Absenderin schrieb "An Wohlgeboren Herrn Ig(natz) Hosp,
    kgl. Werk- und Wagenmeister in Memmingen", weil sie seiner horizontalen Leistungen dringendst bedurfte. Er sollte so schnell wie möglich zu ihr eilen, um ihrer berstenden Sehnsucht Linderung zu verschaffen. Die Details erspare ich mir/euch. Es ist aber nett umschrieben, was sie genau wollte.

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    ist zwar überhaupt nicht meine baustelle, aber eine sehr pikante und nette hintergrundgeschichte,

  • bayern klassisch
    Gast
    • 13. März 2008 um 18:52
    • #4

    Noch etwas allgemeines zu EB:

    Wurde ein EB aufgegeben, der im Ort selbst, oder im dazugehörigen Landbestellbezirk bleiben sollte (also Orts- oder Lokalbriefe), so war die Annahme zu verweigern. EB gab es also nur als Fernbriefe.

    EB waren nach der Annahme in eine gesonderte Rubrik der Briefkarte zu schreiben und rot zu unterstreichen. Sie wurden entweder zuoberst aufgeschnürt, oder, wenn es mehrere waren, in ein eigenes Päckchen gelegt und versiegelt.

    Alle Schreiben Seiner Majestät des Königs von Bayern waren immer wie rekommantierte Expressbriefe zu behandeln und wurden jedem anderen Poststück vorgezogen. Dies sieht man diesen Briefen nicht an. Das königliche Siegel genügte, um sie so zu behandeln.

    Beste Grüsse von bayern klassisch

  • rabege
    erfahrenes Mitglied
    Beiträge
    678
    • 13. März 2008 um 23:01
    • #5

    Hallo bayern klassisch,
    nun ist die Auflösung da, natürlich anders als gedacht....und weil ich gern frage, wenn ich es nicht verstehe:
    6 Kr Porto ist klar, 6Kr Reco-Geb. ebenso, dann fangen die Unklarheiten an:
    Warum Rückschein? Frei gegen Schein steht auf allen Einschreiben, bisher bin ich davon ausgegangen, dass damit der Einlieferungsschein gemeint ist, der mit der Reco-Gebühr abgegolten ist - weitere Hinweise auf einen Rückschein kann ich dem Brief nicht entnehmen.
    Gebühr für den Expressboten ist im Ortszustellbereich lt. Sem 9Kr, wurden die Boten auch nach Gewicht bezahlt, so dass die doppelte Gebühr anfiel?
    Auf die Gebühr für die Bereitstellung des Boten finde ich gar keinen Hinweis, darf ich das nachtragen und gilt dies nur für Express-Briefe ?
    Wer das Geld bekommen hat, hast du geschrieben...wer hat es bezahlt?
    Gruß rabege

  • wolleauslauf
    Gast
    • 13. März 2008 um 23:01
    • #6

    Hallo bayern klassisch,

    danke für Deinen Beitrag. Eine Frage hätte ich aber noch ;)

    Ich bin jetzt 58 und weiß " Da war doch was " :P

    Warum enthälst Du uns die Anleitungen einer reifen Frau vor ??? :D
    und die detaillierten Beschreibungen.
    Briefmarken müssen ja nicht immer alles sein, manchmal kann der Inhalt des Briefes wichtiger sein. ;)

    Jetzt wieder ernst gemeint: empfehle ich Allen. Laßt das Anschreiben wenn möglich, in dem Brief drin ( Bezug und Nachfolge des Versandes ) , speziell aus dem Ausland und des Jahres.
    Jeder schreibt auf seinen persönlichen Brief normalerweise nochmal das Datum. Also kann ein gewisser Zusammenhang festgestellt werden
    ( muß ja nicht sein ) ;)
    Ein leeres (Fenster) -kuvert ohne Bezug ? schöne Marke ? Was bringt das philatelistisch ? Muß ein super Beleg sein.

    Sammlergrüße von Wolle

  • Xeno
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    6. November 1975 (50)
    • 13. März 2008 um 23:35
    • #7

    Hallo bayern klassisch,

    Zur Lösung des Briefs Augsburg - Memmingen

    Ich habe mich gefragt warum der Brief unter den Posttarif bis 12 Meilen Entferung fiel. Habe nun aber selbst raus gefunden dass bis 1872 folgende Regel galt 1 Meile = 7,5km. Habe heute im Routenplaner die Kilometer gezogen zwischen Augsburg - Memmingen und bin dort auf 91km gekommen. Also gerade noch so Stufe I.

    Die Post hatte demnach einmal die Tätigkeit den Hauptlauf für die Briefbeförderung zu besorgen. Also die Beförderung des Briefes von Augsburg nach Memmingen. Nach Eingang des Briefes in Augsburg übernahm diese die Vermittlungstätigkeit und besorgte einen Boten der den Brief zustellte.

    Wenn ich richtig verstehe waren die Boten keine Angestellen der Post sonden eher eine Art Franchisnehmer die im eigenen Namen und auf eigene Rechnung den Brief zustellten.

    Gruß Xeno

    It´s a 106 miles to Chicago. We´ve got a full tank of gas, half a pack of cigarettes, it´s dark and we´re wearing sunglasses.

  • bayern klassisch
    Gast
    • 14. März 2008 um 07:17
    • #8

    rabege

    Das sind berechtigte Fragen. Man ließ den Versender entscheiden, ob er dieses teure Gesamtpaket akzeptierte, oder nicht. Wollte er dann immer noch per Express versenden, dann war auch der Rückschein mit drin, den konnte er nicht einfach weglassen und sich so 6 Kr. sparen.
    Amtsdeutsch: Die Dienstleistung Express beinhaltete dies. Es musste auch nicht auf dem Brief (wie sonst "gegen Rückschein", "erga Retourrecepisse" o. ä.) vermerkt werden.

    "Gebühr für den Expressboten ist im Ortszustellbereich lt. Sem 9 Kr. ..."
    Das galt nicht für diese Tarifperiode. Ich komme noch darauf zurück. Später war das so.

    Für die Bereitstellung des Boten - das galt natürlich nur für EB, sonst hat es ja keinen eigenen Boten gebraucht, weil die festangestellten Stadt- und Landpostboten ihn bei ihren routinemässigen Gängen mitgenommen hätten. Genau das wurde ja durch den Dienst Express umgangen.

    Bezahlt hat das alles der Absender. Überlege dir mal, dir würde einer einen Brief für 40 - 50 Euro - Gebühr zahlt Empfänger - zuschicken. Würdest du den annehmen? Ich glaube nicht. Damals war das nicht anders. Wenn jemand schon den zweitteuersten Postdienst wollte, dann sollte er auch bezahlen dafür.
    Nur bei einem Porto - EB wäre die Postgebühr von 6, 9 oder 18 Kr. vom Empfänger überhaupt bezahlt worden, aber solch ein Schmankerl ist noch nie aufgetaucht.

    @wolleauslauf

    Du hast ja Recht, aber ich bin schon recht weit mit dem Inhalt gegangen und denke, jeder kann sich selbst ausmalen, was die Dame bewogen hat, ihrem Gspusi express zu schreiben. Daher nehme ich bevorzugt Briefe mit Inhalt, dann kann man auch etwas schmökern und bekommt weitere Einblicke in das Leben der Zeit (ein zweiter mit solch eindeutigem Inhalt tauchte aber noch nicht auf seitdem!).

    Xeno

    Die Meile war etwas unter 7,5 km - aber man hatte noch nicht die Präzision von GPS, das im zivilen Bereich bis auf 5m genau berechnen kann, im militärischen Bereich wohl noch genauer.
    Die Vermessung Bayerns zu Beginn des 19. Jahrhunderts war nicht perfekt und wurde später gelegentlich geändert/verbessert.
    Auch wenn man bei den Gewichten immer sehr penibel war, so war man bei den Entfernungen eher großzügig. Es ist auch die Frage, ob von Ortsmitte zu Ortsmitte, oder nicht von Ortsrand zu Ortsrand gemessen wurde. Eigentlich ja Ortsmitte, aber die tatsächlichen Entfernungen, die wir heute kennen, lassen so manchen Brief in die 2. Klasse fallen, obwohl er damals noch als in die 1. Klasse zugehörig akzeptiert wurde.

    Die Boten waren keine festangestellten, mit Dienstvertrag versehenen Individuen, sondern Leute, von denen man wußte, dass sie für diese Dienste in Anspruch genommen werden konnten. Sie mussten aber

    a) zuverlässig sein (kam der Brief weg, hatte der Expeditor ein echtes Problem, das ihn fast einen Monatsgehalt kosten konnte!),

    b) schnell sein (ein Bote, der Ewigkeiten brauchte, um z. b. einen 10 km entfernten Empfänger zu beglücken, wäre unbrauchbar gewesen, weil der normale Landpostbote ihn auf seinem Weg vielleicht überholt hätte) und

    c) ortsbekannt sein, denn man hat nicht jedem geöffnet, und nachts schon gar nicht, einer bekannten Stimme aber vertraute man, und auskennen musste er sich auch, vor allem bei der Nachtzustellung, denn die Beleuchtung, die wir heute allerorts kennen, gab es damals nirgendwo und einen Marsch durch den dunklen Tann bei Wind und Wetter war auch damals kein Zuckerschlecken.

    Der Expeditor musste also genau schauen, wem er diesen Gelegenheitsjob anbot. Aus dem Wirtshaus heraus geholt hat er sicher die wenigsten. Lukrativ war es aber schon, denn 18 Kr. war für die Zustellung innerhalb Memmingens eine Menge Geld. Um solch einen Job konnte man sich damals schon reißen!

    Beste Grüsse von bayern klassisch

  • rabege
    erfahrenes Mitglied
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    678
    • 14. März 2008 um 11:11
    • #9

    @b.k.,
    danke für die ausführliche Antwort.
    Schade,dass man sie dem vielgelobten Handbuch nicht entnehmen kann,
    Gruß rabege

  • bayern klassisch
    Gast
    • 14. März 2008 um 11:58
    • #10

    Hallo rabege,

    ich kann deinen Frust verstehen, aber auch ein Handbuch hat Grenzen.
    Alles in allem ist der Sem - Katalog sehr gut und steht konkurrenzlos da, wenn es aber (ganz) tief in die Materie geht, sprengt allein das Volumen eine Verbreitung als Handbuch, zumindest bei Bayern.

    Wer will schon einen kiloschweren Katalog immer mit sich herumschleppen?

    Wenn du dir die vorherige Auflage des Sem - Kataloges ansiehst, wirst du im Vergleich zur jetzigen feststellen, dass die Ortsstempel nicht mehr gelistet sind. Das ist schade, weil man vorher schnell sehen konnte, ob eine Stempeltype bekannt war, oder nicht. Auf der anderen Seite muss er aber auch die Kosten im Blick haben, denn viele Sammler kaufen noch einen Katalog bis ca. 40 oder 50 Euro, wenn es aber darüber geht (früher mal die magische 100 DM Grenze), dann lässt die Kauflust dramatisch nach.

    Beste Grüsse von bayern klassisch

  • oisch
    aktives Mitglied
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    Männlich
    • 14. März 2008 um 15:42
    • #11

    @bayern klassisch und Xeno

    da ich bei meiner Bewertung des Briefs von 70 km also ca. 9,3 Meilen Luftlinie (aus einer Karte mit dem Lineal abgemessen) als Entfernung zwischen Augsburg und Memmingen ausgegeangen bin, lag ich deutlich innerhalb der ersten Entfernungsstufe.
    Das wirft für mich jetzt die Frage auf, wurde bei der Zuordnung der Entfernungen die Luftlinie als kürzeste Verbindung zweier Orte oder die tatsächlichen Entfernungskilometer per Straße / Bahn herangezogen ???

  • bayern klassisch
    Gast
    • 14. März 2008 um 15:43
    • #12

    Bis zum 31.12.1867 galt dann aber folgendes:

    Lokale EB waren möglich, die Frankatur war Pflicht, weil auch die Einschreibung Pflicht wurde. Für den Boten waren 9 Kr. bei der Tagzustellung und 18 Kr. bei der Nachtzustellung zu zahlen und dem Brief bar beizufügen, der Rückschein war nicht mehr vorgeschrieben, konnte aber für 6 Kr. gelöst werden.
    Die Bemerkung wurde nun vorgeschrieben mit "durch Expressen zu bestellen", wobei leicht Abweichungen vorkamen und toleriert wurden.

    Aus Weissenburg vom 14.9.1865 zeige ich mal einen EB nach Ingolstadt, der alle Merkmale hierfür aufweist.
    3 Kr. (Nr. 9) für das Franko innerhalb Bayerns ab dem 1.8.1865 ohne Unterschied der Entfernung für die Post, 6 Kr. Chargé für den Weissenburger Expeditor und 9 Kr. für den Boten in Ingolstandt. Der Absender kannte die Vorschrift und schrieb oben "fo" für franko, "Schein" für eingeschrieben und
    expresse Besorgung für den Sonderdienst.

    Weil ich finde, dass Postscheine in diesem Forum etwas unterrepräsentiert sind, zeige ich mal einen ganz seltenen aus Burgkundstadt, der veranschaulicht, was der Absender eines EB von der Post bekam:

    No. 606 Ein Brief an Carl Schmidt Döhlau (bekam erst 1904 eine Posthilfsstelle, damals also ohne eigene Postexpedition) ist heute zur Beförderung übergeben, und hierüber gegenwärtige ein Vierteljahr gültige Bescheinigung ertheilt worden.

    Per Express 9 kr.
    Franko 3 kr.
    Scheingebühr 6 kr.

    Total 18 Kr., ausgefertigt am 22. Sept. 1867 des Expeditors Ernst.

    Fortsetzung folgt

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  • bayern klassisch
    Gast
    • 14. März 2008 um 15:59
    • #13

    Ein ganz besonderes Kapitel sind Telegramme, die ich hier aber nur relativ kurz streifen möchte.

    Telegramm der Telegraphenstation Pleinfeld vom 8.3.1867 nach Sandsee bei Ellingen. Dies war notwendig geworden, weil in Ellingen keine eigene Telegraphenstation vorhanden war, und Telegramme immer der dem Empfänger nächstgelegenen Station übermittelt wurden.
    Der Absender des Telegramms hatte nur die Kosten für das Telegramm selbst bezahlt, alle weiteren Kosten aber dem Empfänger überlassen, weil er nicht wusste/wissen konnte, welche Kosten auf ihn zu kämen, und war auch nicht bereit, ein entsprechendes Depositum zu stellen.

    Daher konnte es auch nicht frankiert werden (sehr selten), sondern musste als unfrankiertes Poststück mit 6 Kr. (3 + 3 Kr. Zuschlag) weiter spediert werden.

    Hinzu kam, wie bei allen Telegrammen, der Rückschein, der hinten fixiert worden war, was man heute noch sehen kann.
    Am selben Tag kam das Telegramm in Ellingen an, von wo aus ein Expresse für "30 x Botengebühr" nach Sandsee lief und es zustellte.
    Hier haben wir den Fall vor uns, dass die übliche Gebühr von 9 Kr. für den Boten nicht ausreichte. Das Telegramm per Post zu versenden kostete also allein schon 42 Kr..
    6 Kr. für den Postschein und 6 Kr. für den Rückschein an den Expeditor in Pleinfeld und 30 Kr. an den Ellinger Boten.

    Beste Grüsse von bayern klassisch

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  • bayern klassisch
    Gast
    • 14. März 2008 um 16:09
    • #14

    Hallo oisch,

    sorry, habe es erst jetzt gelesen: Die Entfernung galt immer in gerader und somit direkter Linie.

    Gruss in die Palz von bayern klassisch

  • oisch
    aktives Mitglied
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    • 14. März 2008 um 17:09
    • #15

    Hallo bayern klassisch,

    vielen Dank für die Auskunft

    Bin voraussichtlich für eine Woche offline
    und wünsche daher schon jetzt geruhsame Osterfeiertage

  • bayern klassisch
    Gast
    • 15. März 2008 um 09:13
    • #16

    Mit dem 1.1.1868 änderte sich vieles in Bayern, denn der Norddeutsche Bund ließ politisch und wirtschaftlich grüßen. Der Bund rief - und Bayern folgte.

    Es gab nun die Möglichkeit, porto und franko EB zu versenden, einschreiben (7 Kr.) musste man nichts mehr. Die Botengebühr war auf 2 1/2 Groschen bzw. 9 Kr. fixiert worden und stand auch weiterhin allein dem Boten zu. Sie konnte, musste aber nicht frankiert werden! Ein Rückschein war nicht mehr vorgeschrieben (7 Kr.), konnte aber ausgestellt werden.

    Ich stelle hier mal einen EB aus Bischofswerda vom 20.9.1869 ein, für den der Absender nur das Franko von einem Groschen bezahlt hatte, dem Empfänger aber die Zahlung der 9 Kr. Expressgebühr überließ. Der wird sich gefreut haben.

    Beste Grüsse von bayern klassisch

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  • Xeno
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    6. November 1975 (50)
    • 15. März 2008 um 09:31
    • #17

    @ oisch - Dir wünsche ich einen schönen Urlaub

    Hallo bayern klassisch,

    sehr schöne Stücke, die Du hier zeigst und vielen Dank für die Zusatzinformationen.

    Das größte Problem bei diesen alten Belegen habe ich bei der Identifizierung der Sütterlinschrift.
    Habe mal bei Wikipedia geschaut und dort auch ein Alphabet in Sütterlinschrift gefunden, nur bei der Identifizierung der Briefe half mir dies bislang nicht viel, da es ja mehrere Variationen gegeben hat wie man einzelne Buchstaben geschrieben hat.

    Warum kann ich den Bestimmungsort immer deutlich lesen und alles andere erscheint mir immer verschlüsselt.

    Gibt es da eine bestimmte Literatur, die das Bestimmen und Lesen der Wörter einfacher macht?

    Gruß Xeno

    It´s a 106 miles to Chicago. We´ve got a full tank of gas, half a pack of cigarettes, it´s dark and we´re wearing sunglasses.

  • bayern klassisch
    Gast
    • 15. März 2008 um 14:45
    • #18

    Hallo Xeno,

    Sütterlinschrift gibt und gab es bei Altdeutschland nicht! Die wurde erst 1905 erfunden und kam 1911 in den Schulbüchern erstmalig vor.
    Was du meinst ist die deutsche Kurrentschrift - die gab es schon um 1500 (da hatte sie aber noch einen starken mediävistischen Duktus, da würdest du nichts lesen können).

    Im BDPh - Forum hat ein Schüler das gleiche Problem angesprochen, und ein Forumler hat ihm eine kleine Literaturliste zusammen gestellt. Einfach mal dort suchen unter Sütterlin. Müsste zu finden sein.

    Ansonsten hilft nur, was immer und überall hilft: Üben, üben, üben.

    Wenn du etwas übersetzt (transkribiert) hast, einfach mal daneben legen und selbst nachschreiben. Übung macht den Meister - weil, wer etwas selbst schreiben kann, der kann es auch besser lesen!

    Aber das dauert und es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

    Wenn du mit einer Sache Probleme haben solltest, dann stelle sie doch ein, hier wird dir schon geholfen. Notfalls von mir.

    Beste Grüsse von bayern klassisch

    Einmal editiert, zuletzt von bayern klassisch (3. Juni 2010 um 10:41)

  • bayern klassisch
    Gast
    • 20. März 2008 um 19:11
    • #19

    Zu den schönsten, seltensten aber leider auch teuersten Stücken einer Sammlung gehören mit Marken frankierte Telegramme.
    Ich zeige mal eines aus Simbach am Inn nach Pfarrkirchen vom 17.11.1868.

    Das Franko für das Kuvert mit einliegendem Telegramm betrug 3 Kr., die Einschreibung 7 Kr., die Empfangsbescheinigung weitere 7 Kr., die Expreßgebühr, hier nicht notwendig, hätte 9 Kr. betragen.
    Der Rest des Telegramms wurde vom Absender gezahlt.

    Ein Dienst - Telegramm, die meisten Sammler wissen gar nicht, dass es so etwas auch gab - von Nördlingen nach Wemding, aufgegeben am 30.12.1869, zeigt den blauen Vordruck P. D., also Prvat - Depesche, abgeändert in R. D., Regierungs - Depesche. Da als R.S., also Regierungssache, gekennzeichnet, war die Depesche selbst und ihre Versendung portofrei, und auch die expresse Zustellung in Wemding war kostenlos. Der Vermerk "Dringend" war nur bei der dienstlichen Korrespondenz die Anweisung, per Expreß zu versenden.

    Den oberen Teil des Inhalts habe ich mal angehängt, damit man mal sieht, wie so etwas aussah ...

    Beste Grüsse von bayern klassisch

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  • VorphilaBayern
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    Beiträge
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    Geburtstag
    7. August 1955 (70)
    • 22. Januar 2010 um 17:47
    • #20

    Liebe Sammlerfreunde,

    möchte folgendes zeigen:

    Telegramm aus Bayreuth an Herrn Baron von Hirschberg
    in Weihersberg Oberpfalz vom 21. Juli 1879.
    Das Telegramm ging zur Telegraphenstation Trabitz und
    wurde sogleich mit einen Expreßboten ins 4 km entfernte
    Weihersberg gebracht. Der Expreßbote erhielt 1 Mark
    Botenlohn.

    Beste Grüße,
    VorphilaBayern

    Bilder

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