Immer wieder kommt es vor, dass getürkte Kreuzerbriefe von Bayern im Internet angeboten und auch zugeschlagen werden. Hierbei hilft es nicht immer, die Anbieter und Käufer zu warnen. Oft kommen Käufe zustande, die für die Sammler eine Katastrophe sind.
Anhand des beigefügten Scans stelle ich einmal einen Brief vor, der bisher nicht besprochen wurde. Ihn ziert eine 12 Kreuzermarke mit dem offenen Mühlradstempel 598, nebengesetzt ist der Halbkreisstempel von Au bei München zu sehen.
Der Absender war das königl. Handelsgericht München rechts der Isar, gerichtet wurde er an das königliche Landgericht in München, wobei man die Ortsangabe vergessen hatte!
Einen 12 Kr. Brief innerhalb Bayerns hat nicht jeder Sammler, und mit der Nr. 6 schon gar nicht. Daher ist die Nachfrage nach solchen Stücken enorm. Die Preise sind es allerdings auch.
Der Brief trägt unter der Absenderadresse den FREI - Vermerk, so dass also eine Marke usprünglich auf ihm gehaftet haben muss (Barfrankaturen gab es in Bayern nach Einführung der Marken nicht mehr).
In der unteren linken Ecke ist die Expeditionsnummer 817 vermerkt, die von geschäftstüchtigen Verkäufern gerne wegen ihrer Abkürzung als
Zeichen einer EXPRESSversendung werterhöhend interpretiert wird. Es gibt auch Express(dienst)briefe, doch die sehen anders aus (könnte man in einem späteren Thread mal vorstellen).
Darunter ist P.S. notiert, was das Schreiben als Parteisache deklariert, also eine Sendung, deren Zustandekommen nicht rein dienstlicher Natur war, sondern die ein Privater in Auftrag gegeben hatte.
Der Vermerk MIT 2 BEILAGEN zeigte an, dass 2 Akten, die nicht in dem Faltbrief selbst Platz fanden, diesem mit Bindfaden beigeschlossen worden waren (manchmal wurde auch MIT UNTERBUND vermerkt).
Siegelseitig - hier nicht zu sehen - trägt er einen zweizeiligen Münchener Ankunftsstempel vom selben Tag der Aufgabe.
Warum soll er verfälscht sein?
Gründe:
Au bei München verfügte nie über den offenen Mühlradstempel 598 von Würzburg, sonder hatte den offenen 25 im Gebrauch.
Da zwischen Au und München ein Sondertarif = Ortstarif existierte, konnten alle Frankaturen von 1 - 15 Kr. theoretisch vorkommen. Ab dem 1.8.1865, also ausserhalb der Verwendungszeit der Nr. 6, dann maximal 2 Kr. Franktaturen. Wäre die Frankatur in Ordnung, hätten wir einen Brief der 12. Gewichtsstufe vor uns (11 bis 12 Loth). Für ein hohes Gewicht spräche auch die Notation mit den beiden Beilagen.
Tatsächlich war aber eine Marke mit weit geringerer Nominale - vermutlich eine 3 Kr. blau oder rot - verwandt worden, die der Fälscher durch eine seltene 12 Kr. Marke ersetzte. Die Stempelübergänge sind nicht akkurat, waren bei sehr schweren echten Briefen aber auch oft undeutlich.
In der Summe ergibt sich ein eindeutiges Bild, auch wenn der Philoutelist uns geschickt etwas ganz feines von Bayern vorgaukeln wollte.
Sollten Briefe wegen ihrer möglichen Unechtheit Magenschmerzen bereiten, so können sie hier eingescannt und offen diskutiert werden. Das ist allemal besser, als Geld für Stücke auszugeben, das nachher keiner mehr wiedersieht.