Hallo,
anscheinend konnte ich mit dem vorigen Brief niemanden so recht animieren ...
Hier ein Portobrief vom 13.Juli 1860 aus St. Petersburg ins französische Moulins.
Der Brief erreichte Preußen per direkter Dampfschiffverbindung via Stettin (Leitweg oben links angegeben, rs. K2 von Stettin vom 17.7.)
Die Postbeförderung auf dieser Seestrecke hatte eine lange Vorgeschichte. In den ersten Verträgen zwischen Russland und Preußen war nur Postaustausch auf dem Landwege vereinbart worden. Auf der See verlief es nicht so harmonisch ...
In Petersburg war schon im Jahre 1829 eine Dampfschiffahrtsgesellschaft, protegiert von höchsten Kreisen, gegründet worden, die per Ukas das alleinige Recht erhielt, mit Dampfschiffen die Häfen des finnischen Meerbusens anzulaufen. Damit waren die preussischen Dampfschiffe außen vor. Damals war man nicht zimperlich und sperrte daraufhin alle preußischen Häfen für die russischen Dampfer.
Zum Leidwesen der Preußen war man aber nicht alleiniger Herr der deutschen Osteseehäfen und so sicherte sich die Petersburger Gesellschaft die direkte Verbindung mit der Hansestadt Lübeck. Über diese Verbindung lief von da an die russische Post Richtung England, Frankreich, Niederlande etc. - ein großer finanzieller Verlust für die preußische Post. Zwar war Russland gemäß Vertrag von 1821 verpflichtet, seine in diese Länder laufende Post an Preußen zu übergeben, aber die Schnelligkeit der Verbindung bot so überzeugende Vorteile für die Postkunden, dass Preußen es nicht schaffte, auf diesem Recht zu beharren.
Da es auch nicht mehr zeitgemäß erschien, die russischen Postschiffe einfach zu versenken, liessen sich die preussischen Beamten etwas anderes einfallen: Man eröffnete in Lübeck eine Postagentur und bot Russland an, ab hier die russische Post zur Weiterbeförderung zu übernehmen! Ebenso übergab man den russischen Schiffen hier auch die eigene Post und nutzte so selber die schnelle Seeverbindung. Den Russen war es egal, aber die anderen beteiligten Postverwaltungen wollten natürlich nicht diese Einnahmen verlieren - es gab weiteren Ärger.
Es bahnte sich aber eine Lösung an: Das Privileg der Petersburger Dampfschifffahrtsgesellschaft lief 1841 aus und bot somit Anlass, erneut in Verhandlungen über eine Seeverbindung zu treten. Und tatsächlich gelang es im Rahmen der Verhandlungen, die zu dem Additionalvertrag von 1843 führten, auch eine Seeverbindung zu vereinbaren. Mit dem Jahre 1845 begann dann die Stettin-Petersburger Dampfschifffahrts-Verbindung.
Nun aber wieder zu dem Brief:
Rückseitig wurde das preussische Porto von 3 Sgr. notiert und vorderseitig der Rahmenstempel AUS RUSSLAND abgeschlagen (NB: diese Stempel ohne den Franko-Zusatz kennzeichnen i.d.R. Portobriefe).
Gemäß der preussisch-französischen Postkonvention vom 1.7.1858 hatten die preussischen Auswechselungspostämter auf den Transitbriefen (nicht nur aus Russland !) nach Frankreich einen Stempel mit dem Buchstaben P (für Preußen) und der Verrechnungsnummer in schwarz anzubringen.
In dieser 1.Verrechnungsperiode (Mitte 1858 bis Mitte 1861) war dies der Stempel P.35., hier in Aachen verwendet.
In Frankreich kam dann der K2 Prusse 3 Valenciennes sowie der Taxstempel 11 (Decimes) hinzu. Rückseitig sind noch die franz. Kreisstempel von Paris (Durchleitung), der Zugverbindung Paris à Clermont und der Ausgabestempel von Moulins zu finden.
Viele Grüße
Michael
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