In Bayern wurde mit der Verordnung Nr. 4083vom 3.4.1871 eingeführt, dass unfrankierte Parteisachen keinen Porto - Zuschlag mehr erhalten sollten, um die Privaten nicht zu benachteiligen. Jedoch gab es eigene Taxen, wie wir noch sehen werden.
Wie war die Lage davor?
Briefe innerhalb Bayerns kosteten ab dem 1.1.1868:
Im Ort oder Lokalbezirk frankiert 1 Kr., über 1 - 15 Loth 2 Kr..
Dergleichen unfrankiert kosteten sie 3 Kr. bzw. 6 Kr..
Als Fernbrief bis 1 Loth frankiert 3 Kr., über 1 - 15 Loth 7 Kr..
Dergleichen unfrankiert kosteten sie 7 Kr. bzw. 11 Kr..
Durch die neue Verordnung gab es einen Bedarf an Portomarken mit der Nominale von 1 Kr., denn eine unfrankierte Parteisache am Ort oder im Lokalbezirk wäre mit der Portomarke Nr. 1 zu 3 Kr. nicht zu bewerkstelligen gewesen (wüssten die Fälscher von dieser Verordnung, so gäbe es sicher Drittelungen der Porto Nr. 1). Hiermit erklärt sich der Grund, warum es 1 Kr. Portomarken in Bayern gab.
Was war eine Parteisache? Ein Brief einer Behörde an wen auch immer (oft auch an Behörden gerichtet), in dem etwas benötigt wurde, was eine Partei, also ein Privater = Bürger, benötigte (Taufschein, amtliche Kopie des Testaments usw. usw.).
Die Privaten hatten sich beschwert, dass sie einen Aufschlag von 130% auf gewöhnliche Frankobriefe abgerechnet bekamen, für den sie nichts konnten.
Dass dies auch zu Verwicklungen führen konnte, zeigt ein Beispiel aus Hilpoltstein vom 12.6.1874, einer Zeit also, in der das alles längst hätte Usus sein sollen.
Das dortige Landgericht sandte einen Brief über 15 - 250g "an das württembergische Oberamt Pforzheim". Pforzheim war nie württembergisch, sondern ehemals großherzoglich badisch gewesen. Die badische Posthoheit ging jedoch mit dem 1.1.1872 auf das Deutsche Reich über, so dass es ein Brief ins Reich war.
Zuerst taxierte er 3 Kr., was völlig daneben war, denn es war ein schwerer Brief mit Anlagen (es sind heute noch Fragmente der Schnur siegelseitig vorhanden). Dann taxierte er mit 11 Kr. für schwere Fernbriefe.
Als er aber P.S., also Parteisache, las, dachte er sich, dass diese nur den Frankotarif kosteten, strich die 11 und notierte 7 Kr..
Weil es aber kein Brief innerhalb Bayerns war, und er nicht wusste, ob diese Regelung auch mit Württemberg (!) gelten würde, strich er die 7 durch und notierte jetzt endgültig 11 Kr. - Parteisache hin, Parteisache her.
Richtig machte es der Expeditor von Rothenburg ob der Tauber am 28.3.1873. Die J.P.S., also Justiz - Partei - Sache, wog einfach und kostete daher unfrankiert nur 3 Kr. im württembergischen Weinsberg.
Auch in Bayern selbst gab es gelegentlich Probleme: Am 21.1.1873 sandte das Bezirksamt in Feuchtwangen eine J.P.S. nach Weinberg. Zuerst taxierte der Expeditor mit 7 Kr. für unfrankierte Fernbriefe, dann stellte er fest, dass der über 15 - 250g schwere Brief in den eigenen Bestellbezirk lief (er hatte wohl zuerst Weinsberg gelesen) und klebte die Portomarke auf (auf Fernbriefen durften keine Portomarken verwandt werden!).
Richtig machte man es am 13.11.1874 in Neustadt an der Aisch bei einer portopflichtigen Dienstsache nach Eschenbach bei Markt Erlbach (der Zusatz "gegen Recepiss" bedeutete, dass dem Schreiben ein Rückschein beigefügt worden war, der den Absender 7 Kr. kostete).
Wer ähnliche portomoderierte Briefe hat, darf sie gerne hier zeigen.
Liebe Grüsse von bayern klassisch