Hallo Forumianer, ich wünsche einen schönen Sonntag.
Inder letzten Folge der Postgeschichte hatte ich die wohl teuerste Marke der Welt, die " British Guyana 1 Cent " vorgestellt.
Über diese Marke ranken sich immer noch abenteuerliche Geschichten, vor allem was die Echtheit und die Sammelwürdigkeit der Marke betrifft. Nun, es ist wie immer: 10 Gelehrte, 11 Meinungen. Vor allem ist in den letzten Jahren ein Streit darüber ausgebrochen, ob es denn ein 2. Exemplar dieser Marke gibt und dadurch der Status und die Einmaligkeit dieser Weltrarität ins Wanken geraten ist.
Ich mache s mir heute etwas einfacher und möchte einen tollen Artikel aus dem bdph-Forum vorstellen, aus dem sich jeder seine eigene Meinung bilden kann.
Warnung: Wer diesen Artikel genau liest, verpasst wegen der Länge vielleicht sein Mittagessen.
Diese einzigartige Marke ist spätestens seit ihrer Entdeckung bestens in der Literatur belegt, jeder Weiterverkauf nach Auflösung der Ferrari-
Sammlung mit dieser Marke im Jahre 1922 – damals erwarb sie der
Amerikaner Arthur Hind – wird von der Presse begleitet, bis eben zum derzeitigen Besitzer, dem amerikanischen Milliardär John du Pont, der sein einmaliges Stück aber derzeit bestens aus der Erinnerung und in der Phantasie betrachten kann, da er seit 1997 wegen Mord an einem Freund in Gefängnis sitzt.
Soweit wäre dies eine der fast schon üblichen Geschichten
früher Raritäten, die heute einen ausgewiesenen „Stammbaum“ haben. Aber spätestens seit der öffentlichen Präsentation der Internet-Auktionsfirma eBay zur Philatelia 1999 in Köln, den geschickt vorher in der Welt-Presse lancierten Berichten und Werbereportagen, deren Thema sogar von der Postzeitschrift „postfrisch“ für einen Sensationsbericht wert erachtet wurde, ist die Philatelie um eine weitere 1c British Guiana reicher. Und auch sie hat Geschichte, und was für eine! Gekrönte Häupter und die namhaftesten Philatelisten der frühen Urzeit der Philatelie spielen eine ihnen zugewiesene Rolle.Dabei später auch ein Opernsänger und eine arme rumänische Tänzerin, die vielleicht die Phantasien eines Aschenputtels austräumen will. Stoff, aus dem Träume für Opern sind, die auch Material genug für spannende Drehbücher abgeben.
Die Fakten:
Eigentlich sind die nachprüfbaren Fakten schnell aufgezählt: in Köln war 1999 ein Exemplar der angeblichen 1c-magenta zu sehen, recht ansehnlich, gestempelt am 9. September 1856 in Demarara. Aussteller der Rarität, die in einer Internet-Auktion für 1,9 Mio DM (!) angeboten wurde (und für die sich kein Käufer fand), war Peter Winter, Kaufmann und Sänger, wohnhaft in Bremen bzw. richtiger gesagt, dessen Sohn, der seit 1992 der glückliche Besitzer ist. Peter Winter ist in der Philatelie kein Unbekannter: seine perfekt gestalteten Imitationen klassischer und moderner Marken, aber auch ideenreiche und umsatzträchtige markenähnlich aussehende Produkte zu bestimmten politisch relevanten Anlässen „zieren“ die Philatelie. Er ist, mit Verlaub gesagt, der moderne „Kujau der Philatelie“. In seinem Farbkatalog des „House of Stamps“ fanden sich natürlich auch berühmte Guiana-Seltenheiten, darunter auch die 1c von 1856. Für preiswerte 55 bis 110 DM, je nachdem, ob lose oder auf Brief, konnte sie der Sammler bestellen und sich, das „Unikat“ im Wohnzimmer an der Wand gerahmt, einmal wie Arthur Hind fühlen.
Soweit die überprüfbaren Fakten. Alle anderen Aussagen stammen
wohl erst einmal von Peter Winter selbst, in einer Fassung, die die
Auktionsfirma eBay an die Presse gab. Er will die Marke, die er 1992
seinem Sohn zum 21. Geburtstag schenkte, in den 80er-Jahren von
einer rumänischen Tänzerin mit Namen Mioara Corojeanu, wohnhaft in
Cimpulung Moldovenesc, anlässlich der Begegnung während einer
gemeinsamen Tournee in Deutschland für „unter 10.000 DM“ gekauft
haben. Die Marke sei zu dieser Zeit stark beschädigt gewesen, sie
hatte einen starken Einriss, sie wurde in diesem Zustand fotografiert
und von dem süddeutschen Briefmarkenrestaurator Hummel
fachgerecht restauriert. 1989 legte er die Marke dem Prüfkomitee der Royal Philatelic Society vor. Deren Urteil lautete: „...
Nach unserer Meinung ist die Marke nicht echt, sondern aus einer echten FOUR Cents durch Veränderung der Inschrift FOUR in ONE und CENTS in CENT hergestellt!“ Im gleichen Jahr legte Winter die Marke dem 1999 in Berlin verstorbenen freien Prüfer Georg Bühler zur Expertise vor. Er soll „nach gründlicher In-Augenscheinnahme“ die Marke als „unzweifelhaft echt“ bezeichnet haben,ein Attest aber mit Verweis auf das Urteil der Royal verweigert haben, da er „in diesem Fall doch wohl nicht kompetent genug sei“. Aber er habe, so der PR-Bericht, die Marke „aufs gröbste“ beschädigt, „indem er an dem Schriftzug ONE CENT herumkratzte, so dass neue Beschädigungen entstanden, die noch nicht wieder repariert worden sind“.
Georg Bühler, der große Klassikkenner und langjährige Prüfer, starb wie gesagt im Jahre 1999. Es ist aber bekannt, dass zahlreiche Sammler, die Georg Bühler bereits Anfang der 80er-Jahre zahlreiche Prüfvorlagen klassischer Marken Südamerikas zur Prüfung zuschickten, von ihm schon damals den Hinweis erhielten, dass er wegen seines hohen Alters und
der stark nachlassenden Sehkraft kaum noch in der Lage sei, schwierig zu bestimmende Marken zu prüfen.
Dann war erst einmal Sendepause. Erst durch eine NDR-Sendung 1997
angeregt, bei der wohl auch diese Marke eine Rolle spielte, unternahm Peter Winter dann weitere Schritte. Er wandte sich nämlich nunmehr an Wolfgang Jakubek, den namhaften Ex-Auktionator und Berufsphilatelisten, durch dessen Hand wohl schon die meisten Großraritäten der Philatelie in den letzten Jahrzehnten gegangen waren, u.a. auch die andere 1c von 1856 ex Ferrari. Gemäß eBay-PR-Bericht soll Jakubek drei Monate für die Prüfung gebraucht haben, dann aber gesagt haben, „dass es seiner Meinung nach vollkommen unmöglich sei, einen Beweis dafür vorzulegen, dass die Wertangabe ONE CENT nicht echt sei. Das übrige Druckbild und die gesamte Marke sei über jeden Zweifel erhaben und echt“. Wolfgang Jakubek selbst beschrieb seine Aussagen für das Gutachten vom Juli 1998 so: „Über die Wertangabe ONE CENT kann ich kein Urteil abgeben, der Rest ist echt“! Dies klingt nuanciert anders, denn hier sagt Jakubek selbst sehr deutlich, dass er über das eigentliche Spezifikum der Marke eben kein Urteil abgeben kann, und das war ja wohl das, worauf es dem Auftraggeber Peter Winter doch in erster Linie ankam.
So legte Winter die Marke 1998 nun einer „Papiertechnischen Stiftung
München“ vor, die die Marke mit den zur Verfügung stehenden technischen Mitteln der heutigen Zeit, u.a. Laser-Resonanzspektrographen und Video-Infrarot-Stereomikroskopen, untersuchte. Gemäß PR-Bericht besagte das Urteil, „dass es keinen
Hinweis darauf gibt, dass die Marke nicht echt sei oder dass an der Marke manipuliert worden ist“. Mit diesem nunmehr für ihn gutem Befund nahm Peter Winter Kontakt mit David Feldman, einem
der wohl international mit am besten ausgewiesensten Auktionatoren für den Verkauf von Weltraritäten, auf. Feldman wollte vor einem Angebot, vielleicht auch, um sich nicht lächerlich zu machen, absolut sicher gehen, dass die Marke echt sei. Er ließ Vergleiche (z.B. mit allen
bekannten 4c-magenta-Marken) durchführen, um auszuschließen, dass die Marke von einem der bekannten Stücke stammt, und legte sie letztlich im Dezember 1998 erneut dem Prüfkomitee der
Royal Philatelic Society London vor. Sechs Monate dauerten die Untersuchungen und dann kam das gleiche Urteil wie schon im Jahre 1989, nämlich, dass die Marke nach Ansicht des Prüfkomitees eben nicht echt sei.
Aus dem Gutachten von Rolf Roeder: Infrarot-Absorptionsaufnahme: Bei 850 nm lassen sich die Auftragungen trennen. Während die handschriftlichen Schriften und Verunreinigungen transmittieren, absorbieren der Stempelaufdruck und dieschwarze Druckfarbe. Es lassen sich keine Reste von Druckfarbe auf dem Papier finden, die unzweifelhaft vorhanden sein müssten, sollte eine Entfernung von Buchstaben von der Oberfläche der Marke vor oder hinter dem Schriftzug „ONE CENT“ stattgefunden haben. Ebenfalls lassen sich keine Verletzungen der Papieroberfläche an den infrage kommenden Stellen finden. – Originaltext aus dem Gutachten von Rolf Roeder, Sachverständiger für Urkunden, Maschinenschriften und Druckerzeugnisse (12.10.1999). Das Expert Committee der Royal Philatelic Society widerspricht explizit diesem Befund!
Aus dem Gutachten von Rolf Roeder: Infrarot-Lumineszenzaufnahme: Es wurde hiermit „in die Tiefe“ des Papieres gesehen. Es ließ sich an den in Frage stehenden Positionen vor und hinter dem Schriftzug „ONE CENT“ kein Vorhandensein von Farbpartikeln im Papier nachweisen. Ebenso konnte kein Hinweis auf eine chemische oder mechanische Rasur an diesen Stellen gefunden werden, der aber mit Sicherheit nachweisbar wäre, wenn irgendeine Manipulation an dieser Stelle stattgefunden hätte. Die hell scheinenden Stellen resultieren aus dem Durchleuchten des hinter der Marke befindlichen Klebstoffes zum Befestigen des Stützpapieres. – Originaltext aus dem Gutachten von Rolf Roeder, Sachverständiger für Urkunden, Maschinenschriften und Druckerzeugnisse (12.10.1999). Das Expert Committee der Royal Philatelic Society widerspricht wiederum explizit diesem Befund!
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