Damit ich nicht nur Buchstabenwüsten produziere, hier ein Beispiel aus Dorfen von 1925. Den Einsatz dieses Reservestempels kann ich auch noch einmal im November/Dezember 1928 belegen.
Beiträge von Erdinger
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Hallo, kartenhai,
ZitatWo muß eigentlich ein Sammler nachforschen, wenn er wissen will, ob in seinem Heimatort irgendwann einmal ein Reserve-Stempel benutzt worden ist und wie lange? Das wurde ja vom Postamt in einem Stempelbuch protokolliert. Wo werden diese uralten Stempelbücher aufbewahrt und kann die jeder einsehen?
Letztendlich bleibt einem nur das Handbuch von Dr. Helbig. Theoretisch gibt es von jedem Postort in Bayern - ausgenommen Posthilfstellen - einen Reservestempelabschlag, dank des flexiblen Stempelkonzepts mit einsetzbaren Ortsnamen. In der Praxis nachweisbar sind manche nur im Braungardtschen Werkstattbuch (daraus stammen die meisten Abschläge, die bei Helbig im Bild dokumentiert sind).
Ich habe vor Jahren einmal die Postgeschichte einer bayerischen Landgemeinde aufgearbeitet, anhand von Akten aus dem Staatsarchiv München. Die Anforderung eines Reservestempels ist mir leider nicht untergekommen.
Die von dir genannten "uralten Stempelbücher" dürften sich nur in Ausnahmefällen erhalten haben. @bayern klassisch möge mich korrigieren, aber sie wurden meines Wissens nicht zentral aufbewahrt, geschweige denn archiviert. So schön es auch wäre - aber stelle dir mal vor, wieviel Archivraum das in Anspruch nehmen würde. (Aus ähnlich gelagerten Fällen weiß ich, dass Archive zwar die Anschreiben aufhoben, die Schriftstücke [in diesem Fall meteorologische Protokolle] begleitete, nicht jedoch das Dokument selbst. Dumm gelaufen für den heutigen Forscher.)Wir werden wohl weiterhin Ansichtskarten und Briefe genau anschauen müssen - aber mal ehrlich: Gibt es eine schönere Zeitverschwendung?
Viele Grüße vom
Erdinger -
Noch ergänzend zu dem von @bayern klassisch genannten "Strich":
Postanstalten, die nur über einen einzigen Stempel verfügten, bekamen einen Stempel mit einem Stern bei der Uhrzeitgruppe und einem kleinen Sternchen ganz unten (dort, wo bei den Reservestempeln das kleine "R" steht).
Korrektur vom 17.3.2010: Nicht in allen Fällen, aber ich wollte die Sache nicht noch komplizierter darstellen ...Wenn mehrere Stempel in einer Postanstalt (mehrere Schalter) Verwendung fanden, wurden sie mit Buchstaben (a, b ...) gekennzeichnet. (Diese Stempel erhielten zusätzlich unten eine kleine Ziffer [1, 2 ...] die mit jeweils einem Stempelkästchen korrespondierte, in dem der Stempel und die zugehörigen Teile lagen.)
An der Stelle, wo dieser Buchstabe gewöhnlich stand, wiesen Reservestempel nur einen waagerechten Strich auf.
Weil die Uhrzeitgruppe - ob mit Stern oder Strich - mehrmals täglich neu gesteckt wurde, können die Sterne/Striche mal links, mal rechts von der Uhrzeitangabe stehen.
Viele Grüße vom
Erdinger -
kartenhai:
Aushilfsstempel wie dieser hatten idR keine Jahreszahl, der hier hatte immerhin eine Uhrzeitangabe - eher ungewöhnlich. Je nachdem, wie tief die Stempelteile in den Stempelkasten eingespannt waren, druckte dieser mit. Im Sinne des Erfinders war dies nicht ...Viele Grüße vom
Erdinger -
Hallo kartenhai,
Bayernsammler unterscheiden zwei Arten von Interimsstempeln: den Aushilfsstempel und den von dir bereits genannten Reserve-Stempel.
Die Aushilfsstempel sind die ältere Form und kommen seit den 1860er-Jahren vereinzelt, ab 1870 öfter vor, meist Einzeiler in Fraktur oder Antiqua. Sie wurden aus dem Setzkasten zusammengesteckt, die Buchstaben und Ziffern stehen selten auf einer geraden Linie, die Abstände zwischen den Lettern sind unterschiedlich etc.
Danach kamen (im weitesten Sinne) normierte Zweizeiler auf, die von den Bezirksverwaltungen vorgehalten wurden, um wegen Reparaturen eingelieferte Stempel zeitweilig ersetzen zu können.
Beide Varianten katalogisiert das Buch von Georg Winkler, Die bayerischen Aushilfsstempel, München 1975. Hierin wird anhand von Fotos und mithilfe eines erhalten gebliebenen Aushilfsstempels aus Nürnberger Museumsbeständen Aufbau und Funktionsweise erklärt. Außerdem werden archivalische Quellen und Verordnungen ausgewertet, in denen die Vorschriften für den Einsatz dieser Stempel geregelt wurden.Die Zweikreis-Reservestempel nach System Braungardt wurden aufgrund diverser Mängel der bisherigen Aushilfsstempel (rasche Abnutzung, vergleichsweise leicht zu fälschen [Postanweisungen!]) ab 1902 eingeführt. Dr. Helbig unterscheidet zwei Typen 37 R und 38 R, die im Prinzip identisch sind, letztere besitzen wegen der kurzen Ortsnamen (Isen, Aying) Zierstücke zu beiden Seiten des Ortsnamens. Die Stempel setzen sich aus einem Stempelkorpus und einem Einsatz mit dem Ortsnamen zusammen, sodass man nicht für jeden Ort einen eigenen Stempel fertigen musste. Es gibt von nahezu allen Orten Probeabschläge im Werkstattbuch des Herstellers, unklar ist bei vielen Stempeln nur, ob und wann sie tatsächlich zum Einsatz kamen. Im ersten Band des Stempelhandbuchs von Dr. Helbig werden Aufbau und Funktion dieser Stempeltypen anhand von zeitgenössischen Zeichnungen dargestellt.
Abschläge zur Bayernzeit (also bis 1920) werden nach meinen Beobachtungen von Sammlern bevorzugt, die Stempel wurden aber z.T. bis in die vierziger Jahre, vereinzelt noch darüber hinaus in der Stempelreserve der OPDs vorgehalten und verwendet.Einen 1942 in Isen verwendeten 38 R (ohne Zierstücke) möchte ich hier noch zeigen.
Viele Grüße vom
Erdinger -
Auch von mir die besten Glückwünsche zum Geburtstag!
Viele Grüße,
Erdinger -
Gratulation an mikrokern - man kann eben nicht alles haben ...
Viele Grüße vom
Erdinger
(dessen Sammlung im Moment auch wächst und wächst) -
Lieber bayern klassisch,
ZitatDer Brief wird seine Rätsel nicht so schnell loswerden ...
Dass Baierbach ab 1.7.1843 von Velden aus bedient wurde, habe ich gesehen - aber dass die Postexpeditoren so miteinander umsprangen, hätte ich jetzt nicht gedacht
- zumal da keinerlei Vermerke zu erkennen sind (außer dem radierten eines Vorbesitzers: "grosse Bayernseltenheit" - in gewisser Weise könnte er recht gehabt haben).Vielen Dank für die aufklärenden Hinweise
sagt der
Erdinger -
Lieber @bayern klassisch,
vielen Dank für die Quellenbelege! Zeit, sich die CD anzuschaffen ...
Ich habe mir vorgestern in der Staatsbibliothek in München Carl von Gumppenbergs "Bayrisches Postarchiv" angesehen. Interessant ist, dass hier neben einschlägigen VOn aus dem "Verordnungs- und Anzeigeblatt" auch gesonderte Generalien und Anweisungen der Generaldirektion zitiert werden - und das nach Betreffen geordnet! Leider war das eingesehene Exemplar nicht vollständig, es gibt aber noch ein zweites.Um die Kurve aus dem Off-topic zu bekommen: Hat jemand eine Idee zu meinem oben gezeigten Beleg? Ist das eventuell ein unbestellbarer Brief, der zurückkam?
Viele Grüße vom
Erdinger -
Lieber Nils,
1843 kann es nicht sein, weil die Postexpedition Erding erst zum 1.7.1843 eröffnet wurde - frühestens also 1844 ...
Viele Grüße vom
Erdinger -
Liebe Freunde,
da scheint mir, hätte ich hier ja ein passendes Gegenstück aus Retzbach, ebenfalls über 16 Kreuzer (Beitrag vom 15.2.2010):
Viele Grüße vom
Erdinger -
Liebe Freunde,
heute möchte ich eine Briefhülle zeigen (nicht auf der Messe erworben), die etwas rätselhaft ist, zumindest für mich.
An einem 21.3. (vermutlich 1845, dem Stempelzustand nach zu schließen) wurde ein Brief franko von Erding nach Baierbach bei Vilsbiburg geschickt. In Vilsbiburg kam er am 22.3. an.So weit, so klar. Aber warum ist die rückseitig vermerkte Taxe gestrichen, und warum wurde auf dem Brief am 23.3. in Erding erneut ein roter Stempelabschlag angebracht? Wäre der Papierbogen umgefaltet und erneut verwendet worden, dürfte der zweite Abschlag nicht da stehen, wo er sich jetzt befindet.
Meines Wissens der einzige Brief, auf dem zwei unterschiedliche rote Erdinger Halbkreiser prangen ... und wahrscheinlich einer der sehr wenigen echten Privatbriefe, die mir aus der Vormarkenzeit vorliegen.
Viele Grüße vom
Erdinger -
Liebe Freunde,
vielen Dank für den Zuspruch - die Messe hat sich in dieser Hinsicht wirklich gelohnt.
Viele Grüße vom
Erdinger -
Verehrte Freunde,
einen 20 b - also mit Jahreszahl - von Velburg kann ich bisher noch nicht belegen, nur den 20 a ab 1871.
Dieser hielt sich bis mindestens Mai 1877, der Ablöser 21 a ist mir seit Dezember 1878 bekannt.
Kein Rauch ohne Feuer - hat jemand einen 20 b von Velburg?Eine Besonderheit dieses Ortes war, dass zeitweise mit roter Farbe gestempelt wurde, hier als Beispiel ein Brief vom 4. Januar (1871, laut Inhalt). Im Jahr 2000 wurde dieses Stück bei Deider für 150 DM ausgerufen, fand aber keinen Liebhaber, jetzt konnte ich es zu einem deutlich niedrigeren Preis auf der Messe in München kaufen.
Viele Grüße vom
Erdinger -
Verehrte Freunde des markenlosen Briefs,
dieser Beleg lief mir auf der Münchner Messe zu.
Von der Königlichen Garnisonskompanie Nymphenburg ging am 21.11.1847 ein Schreiben an das Landgericht Neumarkt. Der Postexpeditor schlug den Aufgabestempel ab, besah sich das gute Stück allerdings genauer. Der verhinderte Kalligraph, der das Schreiben mit feiner Feder schrieb, hatte eine Sache übersehen, die der Postler mit militärischer Präzision in ein Wort fasste: Neumarkt gut und schön, aber welches?
Er retournierte den Dienstbrief zur Korrektur der Adresse, die eine andere Hand um die Worte "Oberpfalz und Regensburger Kreise" ergänzte. Der Brief erhielt am Folgetag einen weiteren Aufgabestempel und trat diesmal den Weg in das richtige Neumarkt an.Viele Grüße vom
Erdinger -
Verehrte Gemeinde,
heute gibt es einmal etwas exotisches zu sehen: Ein mit 3 Kreuzern frankierter Brief mit einem Gewicht bis 1 Loth in die Doppelmonarchie ist zwar an sich nichts Besonderes ... aber wenn am 28. Juli 1871 das "Directorium der kgl. bayr. polytechn. Schule in München" an Herrn Dr. Peicic, den Vorsitzenden der serbischen Kirchengemeinde Pancsova "in der Militaergränze" schreibt, dann vielleicht schon.
Ein Student ist ohne eigenes Verschulden in Armut geraten, sein sittliches Betragen und sein Fleiß sind vorbildlich, könnte da nicht die heimatliche Kirchengemeinde - wie früher schon einmal geschehen - ein Stipendium bewilligen? (Wie die Sache ausgegangen ist, kann ich mangels Kenntnis des Kyrillischen leider nicht sagen.)Pantschowa/Banstadt, serbisch Pancevo, ungarisch Pancsova, liegt am Zusammenfluss von Temesch und Donau. Weiter flussaufwärts liegt Belgrad, heute gehört die Stadt zur serbischen Provinz Vojvodina.
1871 lag das dem Osmanischen Reich tributpflichtige Fürstentum Serbien noch auf der anderen Seite der Donau, und Pancsova gehörte zur so genannten habsburgischen Militärgrenze, die seit dem 17. und 18. Jahrhundert im ausgedehnten ungarischen Reichsteil Abend- und Morgenland diesseits des Bosporus schied. Die Militärgrenze war ein breiter Gebietsstreifen, der auf einer Länge von 1500 km von der Adria bis Siebenbürgen reichte. Wehrbauern sollten die Türken von Übergriffen abhalten. Der Abschnitt der Banater Militärgrenze, zu der Pancsova zählte, wurde (die Angaben widersprechen sich je nach Nachschlagewerk) erst 1860 Ungarn zugeschlagen (vorher bildete die Militärgrenze ein eigenes Kronland) und dann 1873 aufgelöst.Der Brief lief über Wien und Temesvar und erreichte nach drei Tagen seinen Bestimmungsort.
Ein bisschen Altpapier, aber reich an Geschichte ...Viele Grüße vom
Erdinger -
Na, dann gebe ich mich mal dran (sitze im Büro und warte auf Olympia-Ergebnisse, die in ein Buch einfließen ...)
Das ist der eigentliche Text:
Lieber August,
Deinen Brief fand ich hier vor.
In Karls Befinden keine Besserung
eingetretten sehr schwach, das Fieber
jedoch mäßig, einige Unter Leibs
Stöhrung, immer Eisüberschläge,
bey Tag lichter Augenblike. Nachts zimmlich Phanta-
sieren und Unruh.
Imer große Gefahr
ich bin in unaussprechlicher
Angst.Den hinzugefügten hast du ja ausgezeichnet gelesen:
Der Sohn Karl (mein Onkel, Vaterbruder) war junger absolv. Apotheker und zog als Leutnant mit in den Krieg (Artillerie). Kam heil wieder nach Hause und bekam gleich nach dem Kriege als Leutnant in einem Münchner Regiment den Typhus, woran /er/ auch bald darauf starb. Er liegt im südl. Friedhof in München begraben. Nach dem Kriege wurden die ledigen Leutnants aufgefordert in der Garnison noch einige Monate Dienst zu tun, damit die verheirateten Offiziere noch etwas bei ihrer Familie ausruhen und sich erholen konnten.
Theodor KollerViele Grüße vom
Erdinger -
Lieber bayern klassisch,
als ich die Briefhülle damals (geschenkt!) aus einem aufzulösenden Aktenkonvolut ziehen durfte, war mir die Seltenheit noch nicht bewusst (heute umso mehr). Ganz klären lässt sich der Fall halt nicht, es sei denn, ich stolpere über eine Siegelsammlung, in der das Siegel identifiziert ist.
Zur Feier des Tages kann ich wenigstens, streng off-topic, ein Sitzporträt des Adressaten zeigen ...Viele Grüße vom
Erdinger -
Sackzement, warum nimmt das System den Scan nicht?
Zweiter Versuch: -
Lieber bayern klassisch,
Zitateine passive Portofreiheit halte ich für nicht wahrscheinlich, aber eine aktive des uns leider unbekannten Absenders.
Man wird ja wohl noch ausschließen dürfen ...

Hier kommt die Rückseite!
Die schwache, kopfstehende Bleistiftnotiz liest sich als "Ursula Huber".Gespannte Grüße vom
Erdinger