Philatelisten-Strohwitwerthum
I.
Ist nur die Frau erst ausgeflogen,
Ja dann beginnt meine Zeit;
Dann tritt der Mann in seine Rechte,
Dann zeigt er seine Herrlichkeit!
Dann kann er seinen Tag ausnützen
Bei seinem Album auch die Nacht;
Dem Strohwitwer schlägt keine Stunde,
Wenn er auch noch am Morgen wacht.
Schon tönt der schrille Pfiff des Zuges -
Sie winkt noch mit dem weissen Tuch;
Fahr wohl mein liebes, kleines Frauchen
Wink doch nicht mehr - es ist genug!
II.
Rasch jetzt die Sammlung vorgenommen,
Wie mach' ich mich gemächlich breit,
Die Schätze sind am Tische sicher
Vor jedem duft'gen Sommerkleid.
Sonst hat der bausch'ge grosse Ärmel
Gar leicht die Schätze mir entführt;
(Mein Tisch stand auch zu nah am Spiegel)
Und ach! Ihr Herz blieb ungerührt.
Was gilt der Frau ein Wasserzeichen?
Ob schlecht gezähnt die Marke sei?
"Ach sprich mir nicht von schlechten Zähnen
Du weisst, ich werd' nervös dabei."
Wie schwer erhascht' ich sonst zu Allem
Nur einen flücht' gen Augenblick,
Jetzt trinke ich in grossen Zügen
Des Markenforschers ganzes Glück.
Sonst war ich überall im Wege
Mit meiner Markenwäscherei;
Heut tausend Oesterreich gewaschen -
(Fand keinen Doppeldruck dabei!)
Wie sehnlich wird ein Brief erwartet
Mit der versprochenen Doppelgenf;
Doch kommt er nicht, der Schicksalsbruder
Des längst bestellten "Braunen Senf."
III.
Die Freunde geben keine Ruhe,
Ich muss mit zur Tarokpartie,
Muss Billard und dann Kegel schieben,
Nicht möglich, dass ich da entflieh!
Auf eine Jagd bin ich geladen,
Und dann zu einem Ruderfest,
Gerufen zu des Angelns Freuden
Auf ein total entlegnes Nest.
Ich komme nicht mehr zum Besinnen,
Gar ins Theater noch hinein;
"Ich bitte, jetzt bei dieser Hitze!" -
"Mein Gott, Sie sind doch so allein."
IV.
Ich bin aus einem Traum gerissen,
Der mich so lieblich sonst umfing,
Der Sklave bin ich eines Haufens,
Der sich an meine Fersen hing.
Gehetzt und müde tret' ich Abends
(Oft ist es auch schon früh am Tag)
In meiner Wohnung stille Räume,
Denk' über all' die Qualen nach.
Der kleine Vogel starb im Bauer,
Das hat er früher nicht getan -
Ja früher gab die Frau ihm Futter
Und jetzt vergass darauf der Mann.
Das Tischtuch hat fünf runde Löcher,
Die brannte die Zigarre ein;
Ich fürcht', obgleich sie sehr symmetrisch,
Die Frau wird nicht begeistert sein.
Die Zeit geht doch wie eine Schnecke
Mir armen Strohwitwer dahin,
Staub türmt sich schon in jeder Ecke
Die Spinn' webt ihren Baldachin.
Heut' bleibe ich gewiss zu Hause
Ich brau' mir Abends einen Tee
Und schreib' nach wochenlanger Pause
Ein Briefchen meiner kleinen Fee.
Erleuchtung senkt sich auf mich nieder
Ich schrieb' - das ist der richt' ge Halt:
"Ach liebstes Weibchen, komm doch wieder,
Ach liebstes Weibchen, komm doch bald."
Louis Knorr
Quelle: Austria Philatelist, 1. Jg. 1894