Basler Täubchen auf Brief
Der Obmann des Philatelistenklubs "Carnuntum" in Hainburg (Österreich) eröffnete die außerordentliche Hauptversammlung zu Beginn des neuen Vereinsjahres im Klublokal des Gasthofes "Zum römischen Kaiser". Nach Begrüßung der zahlreichen Anwesenden fuhr er fort: Ich habe ihnen leider eine traurige aber auch zugleich wichtige Mitteilung zu machen. Wie die meisten Herren schon erfahren haben dürften, hat uns Herr Kanzleirat in Pension Emanuel Guggenberger, ein langjähriges Mitglied unseres Vereines, für immer verlassen (die Vereinsmitglieder erheben sich von ihren Sitzen). Nach kurzer Krankheit raffte ihn der unerbittliche Tod hinweg und machte seinem langen ruhigen Leben - er wurde 74 Jahre alt – ein Ende. Wir betrauern in ihm ein eifriges Mitglied, das über 16 Jahre dem Vereine angehörte. Sein überaus friedfertiges und zuvorkommendes Wesen brachte es mit sich, dass er hier nur Freunde hatte. Ein Philatelist der alten Schule, war er stets bereit, seine Erfahrungen auch den Jüngeren unter uns zu vermitteln und wir alle kennen ja auch seine ganz hervorragende Spezialsammlung der Schweiz, die er – lange Zeit in Basel lebend – im Lande selbst Gelegenheit hatte, aufzubauen.
Wer von uns hat nicht das schönste Stück seiner Sammlung, ein prachtvolles Paar Basler Täubchen auf Brief vor Augen, das wir wiederholt sahen und um dessen Besitz ihn die gesamte Philatelie beneidete. Mehrmals betonte er mit, dass dieses kostbarste Stück seiner Sammlung, einmal der Verein bekommen soll, womit er noch über das Grab hinaus uns seine Anhänglichkeit beweisen wolle. Dem letzten Gang unseres teuren Abgeschiedenen wohnte die gesamte Vereinsleitung bei.
Vor zehn Tagen wurden wir vom Verlassenschaftsgericht verständigt, dass nach Punkt 8 des Testaments sich beim Notar Dr. Stammler eine Kassette befände, die dem Vereinsobmann des Philatelistenklubs "Carnuntum" auszufolgen sei, deren Eröffnung aber in einer außerordentlichen Hauptversammlung erfolgen müsse.
Unser lieber Guggenberger – die Erde möge dem braven anhänglichen Manne leicht sein – hat somit sein Versprechen gehalten, denn in der Kassette, die hier vor mir steht, dürfte jedenfalls sein Vermächtnis für den Verein, der wertvolle Brief, enthalten sein.
Außerdem bekam ich von dem Notar einen verschlossenen Brief, der den Vermerk von der Hand Guggenbergers trägt: Vor Eröffnung der Kassette zu lesen. Ich tue dies hiemit. Der Obmann öffnet das Schreiben und verliest das Folgende unter allgemeiner Spannung:
Meine lieben philatelistischen Freunde!
Nun muss ich endgültig von Euch Abschied nehmen. Ein Erinnerungszeichen, das nur schwach in der Lage ist, meine Wertschätzung wiederzugeben, die ich für Euch stets empfunden habe, liegt in der Kassette. Ihr alle wart meine Freunde, aber derjenige, der nach der übereinstimmenden Meinung der anwesenden Vereinsmitglieder mein bester Freund war, soll den Inhalt der Kassette besitzen. Er wird nur die Verpflichtung übernehmen müssen, jährlich am Todestag mein Grab mit frischen Blumen zu schmücken. Liebe Freunde, bestimmen Sie also selbst, wer unter ihnen mein bester Freund war; derjenige der die meisten Stimmen erhalten wird, bekommt den Brief mit den Basler Täubchen.
Die Vereinssitzungen des "Carnuntum" waren im allgemeinen nicht aufregend, aber diesmal war es so, als wäre eine Fliegerbombe in diese zwei Dutzend Sammler hineingeplatzt. Man vergaß ganz, sich wieder niederzusetzen, als schon der Obmann, dem selbst die Aufregung in alle Glieder gefahren war, die Zettel zur schwerwiegenden Abstimmung austeilte. Als nach einer äußerst lebhaften Debatte unter den Vereinsmitgliedern der Obmann alle Stimmzettel bei sich vereinigt sah und feststellen wollte, auf welchen Namen die meisten Stimmen lauten, ergab sich, dass jeder der Anwesenden seinen eigenen Namen aufgeschrieben hatte.
Der Obmann nahm nun wieder das Wort: Das Ergebnis unserer Abstimmung war, dass alle Zettel einen anderen Namen tragen: es kommt daher niemand in Betracht, der als sein bester Freund zu betrachten wäre uns somit sein Vermächtnis übernehmen kann. Wir waren alle in gleich guter Freundschaft mit Guggenberger verbunden. Hören Sie nun weiter, was in diesem Brief steht: Sollte die Abstimmung zu keinem Ziel führen, auf diesem Wege mein bester Freund nicht feststellbar sein, so hinterlasse ich dem gesamten Verein "Carnuntum" das kostbare Stück. Ich knüpfe daran jedoch die Bedingung, dass das Vermächtnis stets im Klubheim einbruchsicher verwahrt bleiben und während der Vereinssitzungen stets den Anwesenden als gemeinsamer Vereinsschatz vor Augen geführt werden muss. Es hat dies den Zweck, einerseits die Erinnerung an mich lebendig zu erhalten, andererseits soll damit ein nachahmenswertes Beispiel gegeben werden, wie man Freundschaft um Freundschaft lohnt. Diese Bedingung ist bindend und muss noch vor Eröffnung der Kassette und Übernahme des Stückes durch die Vereinsleitung im Namen des Vereines schriftlich angenommen und an den Notar Dr. Stammler abgesendet werden, andernfalls die Kassette ungeöffnet an den Notar rückzustellen ist, der sie meinem übrigen philatelistischen Nachlass einzuverleiben hat.
Wieder gab es eine lebhafte und aufregende Debatte unter den Mitgliedern. Der Vereinskassier hab hervor, dass die Anschaffung einer soliden einbruchsicheren Kassen, wenn auch alt angekauft, nicht nur den spärlichen Kassenstand vollständig aufzehren würde, sondern noch ein nicht unbeträchtliches Defizit entstehen ließ. Dieses und auch andere Bedenken wurden aber schließlich zum Schweigen gebracht, als der Obmann entgegnete, dass der Vermächtnisbrief doch ein Vermögen wert sei, mindestens 4000 Schweizer Franken, unser Verein dadurch an Ansehen gewänne, neue Mitglieder bekommen werde, kurz ein "Mekka der Philatelie", wie er sich pathetisch ausdrückte, werden wird und der Verein sich in der ganzen Welt nur lächerlich machen würde, wenn er die Übernahme des kostbaren Schatzes, wegen kleinlicher Bedenken, ablehnte. Das fehlende Geld müsse eben aufgebracht werden, sonst lege er seine Obmannstelle, die er durch mehr als sechs Jahre gewissenhaft führe, sogleich nieder. Seinem Appell lasse er auch sogleich die Tat folgen und zeichne für die Anschaffung der Kasse S 30,-- (Schilling). Wenn sich unter den wohlhabenden Mitgliedern noch einige solche Spender finden – das sei doch nicht viel verlangt – wäre die erforderliche Summe aufgebracht. Schweren Herzens folgten nun noch einige Mitglieder dem Beispiel ihres Obmannes und zahlten die gleichen Beträge.
Unterdessen setzte der Schriftführer des Vereins die Bestätigung auf, worin sich der Verein verpflichtete, das Vermächtnis Guggenbergers zu übernehmen und seinem Willen nach zu betreuen. Das unterfertigte Schriftstück wurde durch einen Kellner sogleich als eingeschriebener Brief dem nahen Postamt übergeben, dass er noch knapp vor Annahmeschluss erreichte.
Wieder erhob sich der Obmann und klopfte feierlich an sein Trinkglas. Totenstille trat ein, wo noch ein aufregendes Durcheinander die Gemüter bewegte.
Meine Herren! Wir haben nun alle Bedingungen erfüllt, die unser lieber verstorbener Freund Guggenberger – Gott lasse ihn seelig ruhen – von uns forderte, damit wir sein wertvolles Erinnerungszeichen übernehmen können. Ich öffne nunmehr die unverletzten Siegel der Kassette, um im Namen des Vereines die Kostbarkeit entgegenzunehmen.
Mit vor Erregung zitternden Händen löste er die Siegel und hob langsam den Deckel der Kassette. Man spürte, dass nun der bedeutendste Augenblick seit dem 24-jährigen Bestehen der Vereins gekommen war: alle Augen waren auf der Kassette festgebannt. Die Mitglieder umdrängten den Obmann und konnten vor Aufregung das Heben des Deckels nicht erwarten, um endlich das Innere der Kassette zu sehen. Endlich war sie offen. Man sah aber nur ein ausgebreitetes rotes Tuch. Vom erhofften Brief keine Spur. Allgemeine große Enttäuschung. Wahrscheinlich lag der Brief darunter, dachte der Obmann und hob langsam, wie es eine Art war, die Decke. Da sah man zwei tote, blendend weiße, junge Täubchen auf einer Unterlage und diese Unterlage war ein von Guggenbergers Hand geschriebener Brief! Die Überraschung war ungeheuer! Mit großer Mühe konnte der Obmann die beiden Tauben aus der Kassette herausheben, seine Hände und Füße begannen ihre Dienste zu versagen. Auf dem Briefumschlag, den er der Kassette schließlich entnahm, stand folgendes: An die Mitglieder des Philatelistenklubs "Carnuntum" in Hainburg. Wie geistesabwesend öffnete der Obmann den verschlossenen Umschlag und entnahm im ein Schreiben, dessen Wortlaut er mit tonloser Stimme den atemlos zuhörenden Vereinsmitgliedern zur Kenntnis brachte:
Meine vielgeliebten Vereinsmitglieder!
Ihr habt mir in meinem langen Erdendasein so manche unangenehme Stunde bereitet. Wie oft – jeder einzelne wird sich daran wohl erinnern – hat Ihr versucht, mich über das Ohr zu hauen, was Euch leider auch manchmal gelungen ist. Wie oft habt Ihr meine Güte missbraucht, wie oft mich hintergangen, mich hinter meinem Rücken beklatscht und schlecht gemacht. Der Neid hat Euch nicht schlafen lassen, weil ich mehr als Ihr alle zusammen verstanden habe, weil meine Sammlung so schön und wertvoll war.
Ich habe Euch alle wie Ihr wirklich seid, vom Obmann bis zum jüngsten Mitglied, gründlich kennen gelernt, doch keinen von einer guten Seite. Ihr sollt mich daher ebenfalls kennen lernen.
Hier ist das Vermächtnis, um dessentwegen Ihr mir – ich spürte es in den letzten Jahren ganz deutlich – den baldigen Abschied von der Welt wünschtet; nun, der Abschied ist gekommen, nehmt daher dieses Zeichen zur bleibenden Erinnerung meiner Hochachtung für den Philatelistenklub "Carnuntum".
Wie Ihr seht, hielt ich, was ich versprach. Zwei Baseler Täubchen: (also ein Paar) auf Brief befindlich. Auf meinem Brief allerdings, dessen Worte euch wie ich hoffe, noch lange in den Ohren klingen werden. Haltet mein Vermächtnis in Ehren und erfüllet es genau, wozu Ihr übrigens Euch verpflichtet habt – und bessert Euch, zum Heil der Philatelie.
Mit besten Grüßen aus dem Jenseits
Emanuel Guggenberger.
Der Philatelistenklub "Carnuntum" erlebte nicht mehr sein 25-jähriges Bestehen, obwohl bis dahin kaum noch ein Jahr fehlte. Mehr und mehr fielen seine Mitglieder ab; immer spärlicher suchten sie das Vereinsheim auf, da ihnen der stete Anblick der "Basler Täubchen" Anwandlungen zum Lebensüberdruss gab. Die ganze Welt lachte über den "philatelistischen Taubenklub", wie er bis zu seinem seligen Ende nunmehr genannt wurde.
Quelle: Die Postmarke vom 15.01.1934